"Willst du Märtyrer werden?" - Übersetzungsfehler sorgt für Empörung

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"Willst du Märtyrer werden?" - Übersetzungsfehler sorgt für Empörung

26. Februar 2018 - 12:16
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Nach einem FOCUS-Bericht geht ein Raunen durch die Republik. Laut einer Meldung der "regierungskritische Zeitung "Cumhuriyet" und das Nachrichtenportal "Haberdar" hat der türkische Staatspräsident Erdogan ein Mädchen auf der Bühne zurechtgewiesen, nach dem sie fast in Tränen ausgebrochen ist. Dabei wird im Kontext mit dem Mädchen in Soldaten-Uniform der Eindruck erweckt, Erdogan habe sie mit den Worten "Wenn du fällst, werden wir dich mit einer Fahne zudecken." aufmuntern wollen.

"Willst du Märtyrer werden?" - Übersetzungsfehler sorgt für Empörung

Kahramanmaras / TP - Nach einem FOCUS-Bericht geht ein Raunen durch die Republik. Laut einer Meldung der türkischen regierungskritischen Zeitung "Cumhuriyet" und das Nachrichtenportal "Haberdar" hat der türkische Staatspräsident Erdogan ein Mädchen auf einer Bühne zurechtgewiesen, nach dem sie fast in Tränen ausgebrochen ist. Dabei wird im Kontext mit dem Mädchen in Soldaten-Uniform der Eindruck erweckt, Erdogan habe sie mit den Worten "Wenn du fällst, werden wir dich mit einer Fahne zudecken." aufmuntern wollen.

Was war wirklich los in Kahramanmaras, einer Stadt die ehemals Maras hieß, nach dem Befreiungskrieg 1973 jedoch den Titel "Kahraman" erhielt, was so viel wie "Held" bedeutet? "Held", weil in dieser Stadt die Bevölkerung sich selbst gegen die Okkupation der Entente Mächte nach dem Ersten Weltkrieg erhob.

Fast 100 Jahre später fand am vergangenem Samstag ein Kongress der amtierenden Regierungspartei AKP in Kahramanmaras statt. Mit dabei war auch der türkische Staatspräsident Erdogan, der in seiner Rede auch auf die Gefallenen der Stadt von 1919 einging - was bislang alle türkischen Staatspräsidenten obligatorisch nicht unerwähnt ließen - und den Bogen dann auf die türkischen Soldaten in der Operation "Olivenzweig" spannte. Dabei sah Erdogan ein Mädchen in den Zuschauerrängen in militärischer Uniform, die den Soldatengruß für ihren im Einsatz befindlichen Vater zeigte und dabei in Tränen ausbrach. Erdogan rief sie daraufhin zu sich.

Es mag sein, dass die Bundeswehr in Deutschland gegen die Vorurteile der Bevölkerung zu kämpfen hat, aber das Verhältnis in anderen Ländern gegenüber ihren Streitkräften ist eine andere - das sollte man nie unerwähnt lassen. So wie die israelische Verteidigungsstreitkräfte im Land eine Armee des Volkes sind, in den USA eines der angesehendsten Berufe der Soldat ist, in Großbritannien die Soldaten verehrt werden wie die Queen selbst, die Hochachtung gegenüber der türkische Armee ist im Volk kulturell und historisch tief verankert, und nicht erst seit dem Amtsamtritt von Erdogan. Nur so verkraftet eine Gesellschaft wie die in der Türkei die hohen Verluste während eines Konflikts, so z.B. gegen Terrororganisationen oder in Kahramanmaras nach dem Ersten Weltkrieg. Dabei spielte die regierungskritische "Cumhuriyet" bis zum Amtsantritt der AKP in dieser Hinsicht keine mindere Rolle. Weshalb sich das bei der "Cumhuriyet" seit längerem geändert hat, wird derzeit in der Türkei kontrovers diskutiert.

Was bislang "Cumhuriyet" oder die "Haberdar" zum Thema selbst ausgelassen haben ist, dass das Mädchen die Tochter eines Soldaten (JÖH / PÖH) ist, der bei der Operation "Olivenzweig" seine Pflicht ausübt. Das wird eins zu eins auch in der FOCUS ausgelassen. FOCUS treibt es aber auf die Spitze, in dem es die Szene aus dem Kontext reißt, so dass der Leser meint, Erdogan habe das Mädchen direkt angesprochen, als er meinte, "Wenn du fällst, werden wir dich mit einer Fahne zudecken."

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat auf einem AKP-Kongress in Kahramanmaras die türkische Militäroffensive gegen die YPG im nordsyrischen Afrin verteidigt. Während seiner Rede holte er ein Mädchen in Soldatenuniform auf die Bühne und fragte es, ob es Märtyrer werden will.

Focus Online

Dabei sprach Erdogan von den Sondertruppen JÖH und PÖH - also auch den Vater des Mädchens, der derzeit damit beauftragt ist, die Häuserkämpfe im nordsyrischen Distrikt Afrin mit der Terrororganisation YPG und YPJ zu führen. Er sprach nicht das Mädchen an, meinte auch nicht das Mädchen allein, sondern die Soldaten allgemein, die mit Herzblut und dem Glauben daran in Afrin eine Operation gegen den Terror ausführen würden, auch wenn es letztendlich darin Ende, dass man sie mit der türkischen Fahne zudeckt.

Während also die "Cumhuriyet" und angeblich "Haberdar" etwas anderes aus dem Kongress mitgenommen haben als viele anderen türkischen Medien, melden sich immer mehr Stimmen, die der "Cumhuriyet" widersprechen und auch FOCUS direkt kritisieren. So schrieb der freie Journalist M. Teyfik Oezcan die Redaktion der "SPIEGEL Online" und "FOCUS Online" direkt an, um auf die Fehlinterpretation aufmerksam zu machen. Hier der Wortlaut, der inzwischen auch in sozialen Medien verbreitet wird:

Mein Schreiben an Spiegel Online und Focus Online

Ihr Artikel vom 25.02.2018 mit der Überschrift: "Willst Du Märtyrer werden? Erdogan weist weinendes Mädchen vor Anhängern zurecht"

Sehr geehrte Damen und Herren,

jede Sprache dient der Förderung der zwischenmenschlichen Kommunikation, ferner der globalen Überlieferung einer Botschaft und ist das Resultat einer kulturgeschichtlichen Abfolge, die die Sprachkultur und die Mentalität eines Landes maßgeblich beeinflusst.  

Unter Berücksichtigung dieser Gesichtspunkte ist ein Deutungsunterschied zwischen der türkischen und der deutschen Mentalität in der medialen Berichterstattung offensichtlich und regelmäßig festzustellen, was man an der wortwörtlichen Übersetzung festmachen kann. Das beste Beispiel für diese Fehlinterpretation ist das Stilmittel Metapher.  

Als der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan letztes Jahr in Bezug auf türkischstämmige Politiker in Deutschland die Metapher „Kani bozuk“ benutzte, was wortwörtlich übersetzt „dreckiges Blut“ ergibt, ging ein exzessiver medialer Aufschrei durch Deutschland. Der demokratisch gewählte Präsident der Türkei wollte eigentlich nur zum Ausdruck bringen, dass einige Politiker keinen guten Charakter haben, was die Menschen in der Türkei richtig, in Deutschland aber durch eine Fehlinterpretation falsch eingeordnet haben.

Diese unterschiedlichen Sichtweisen kann man auch in ihrem heutigen Beitrag über den türkischen Staatspräsidenten konstatieren. Als Herr Recep Tayyip Erdogan das weinende Mädchen während seiner Ansprache sah, holte er sie auf die Bühne, weil es erstens ein Kind war und zweitens weil sie durch das Tragen der Armeeuniform ihre Sympathie für die türkischen Streitkräfte bekundete.

Aus dieser Geste des türkischen Staatspräsidenten sollte das Signal ausgehen, dass wir die emotional geladenen Kinder nicht alleine lassen, sie schützen und in der Zukunft auf sie bauen werden. Das Mädchen repräsentiert hier nicht nur die Kinder der Türkei, sondern auch durch die Uniform die türkischen Streitkräfte.

In der weiteren Ausführung seiner Rede drehte er sich dem Publikum zu und nahm diese Uniform zum Anlass, auf die Verantwortung der Gesellschaft gegenüber dieser Uniform hinzuweisen und sprach dabei das Kind nicht an, weil die Botschaft auch nicht an das Mädchen und allgemein an die Kinder gerichtet war. Zum Abschluss stellte er noch eine rhetorische Frage an das Kind, um sie aufzumuntern, bevor sie die Bühne verließ.    

Ihre Überschrift impliziert eine Geisteshaltung, die des objektiv berichtenden Journalismus nicht würdig ist und jeglicher Grundlage entbehrt. Der türkische Staatspräsident hat mehrere 100.000 von Flüchtlingskindern aus humanitären Gründen die Aufnahme in der Türkei ermöglicht und legt in seinen Reden immer einen sehr großen Wert auf moralisch denkende und gut ausgebildete Kinder, die die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft garantieren sollen.

Es wäre für alle Beteiligte wünschenswert, wenn man zukünftig bei der Übersetzung aus der türkischen Sprache Metapher rechtzeitig erkennt und die Aussagen in einen richtigen Kontext stellt.

Mit freundlichen Grüßen

 

M. Teyfik Oezcan, Freier Journalist

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