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  • Diskussion in Nürnberg mit Ercan Karakoyun und Seyran Ates über "Die Gülen Bewegung - was sie ist, was sie will"

Wandert Seyran Ateş auf dem rechten Pfad?

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Wandert Seyran Ateş auf dem rechten Pfad?

26. Juni 2017 - 18:12
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Die türkische Religionsbehörde Diyanet bringt die neue Moschee in Berlin in Verbindung mit der Gülen-Bewegung, deren Gründung maßgeblich auf die
Rechtsanwältin und Frauenrechtlerin Seyran Ateş zurück geht. Sind die Vorwürfe der Diyanet berechtigt?

NRW Arbeitsminister Schmeltzer - Schirmherr der „Internationalen Sprach- und Kulturfestivals 2016“ im ISS DOME in Düsseldorf

Berlin / TP - Die türkische Religionsbehörde Diyanet hat die Gründung der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin in Verbindung mit der Gülen-Bewegung gebracht. Die Gründung der Moschee ist maßgeblich auf die Rechtsanwältin und Frauenrechtlerin Seyran Ateş zurückzuführen. In der Pressemitteilung der Diyanet heißt es hierzu: "Es ist offensichtlich, dass das ein Projekt des Religionsumbaus ist, das seit Jahren unter der Federführung von FETÖ [Fethullahistische Terrororganisation] und ähnlichen unheilvollen Organisationen durchgeführt wird.“ Die Türkei wirft der FETÖ, die dem Sektenführer Fethullah Gülen zugerechnet wird vor, den gescheiterten Putschversuch mitzuverantworten. Zahlreiche Indizien und Zeugenaussagen belasten die Gülen-Bewegung, in der Türkei laufen derzeit die Hauptprozesse gegen die FETÖ sowie der Parallelstruktur im Staat, genannt PDY.

In Deutschland betätigten sich Gülen-nahe Vereine und Verbände bis zum gescheiterten Putschversuch in der Türkei am 15. Juli 2016 noch in recht offener Form mit etablierten Veranstaltungen, bei der namhafte Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft als Aushängeschild für die Bewegung dienten, darunter auch die in Deutschland bekannte Frauenrechtlerin und Anwältin Seyran Ateş. Das war bis in das Jahr 2014 jedoch noch anders.

Seyran Ateş kannte man bis 2014 als heftige Gegnerin des Islams, vor allem in Fragen der Frauenrechte und des politischen Islams. Völlig befremdlich und überraschend mutete dann auch der Kurswechsel gegenüber der Bewegung an, da Kritiker der Gülen-Bewegung nach wie vor vorwerfen, hinter einem "säkularen Anstrich" vor allem bei Frauenrechten und im Verhältnis von Staat und Islam ein ambivalentes Verhältnis zu vertreten. Als Frauenrechtlerin müsste Ateş diese kritischen Stimmen mit bekommen haben, die u.a. von von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin sowie des Islamwissenschaftlers Ralph Ghadban geteilt werden. Für sie gehört die Gülen-Bewegung zum politischen Islam, werden Frauenrechte anders interpretiert. Schärfer formulierte die Berliner Publizistin Necla Kelek ihre Gedanken über Fethullah Gülen. Ihrer Meinung nach habe Gülen sogar eine "zutiefst reaktionäre Denkweise".

All diesen Unkenrufen zum trotz trat Ateş in einen Kreis ein, in der die Gülen-nahen Vereine und Verbände mit lobenden Worten erwähnt wurden, darunter Joachim Valentin, Direktor des Hauses am Dom, der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Markus Meckel, der Direktor des Abraham Geiger-Kollegs an der Universität Potsdam, Rabbiner Walter Homolka und der Frankfurter Grünen-Vorstand Omid Nouripour, Mitglied im Beirat des Frankfurter Gülen-Vereins "“ (Fid). Näheres ist inzwischen kaum noch in Erfahrung zu bringen, weil die Vereine und Verbände sich sehr bedeckt halten, was die Interna angeht.

Konkreter wurde da das Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg. Die hatte im Februar 2014 erklärt, dass geprüft werde, ob ausreichende Anhaltspunkte für eine Beobachtung der Fetullah-Gülen-Bewegung vorlägen. Im Rahmen dieser Prüfung habe das LfV festgestellt, dass Schriften, die der Prediger Gülen beziehungsweise mehrere Einrichtungen seiner Bewegung in der Vergangenheit publiziert hätten, "inhaltlich zu einzelnen Bestandteilen der freiheitlich demokratischen Grundordnung in Widerspruch stehen“, etwa das Gleichberechtigungsgebot, die Religionsfreiheit, Volkssouveränität und Gewaltenteilung sowie die Freiheit der Lehre."  Diese Festellungen führten jedoch nicht dazu, die Bewegung in das Raster aufzunehmen.

Nach einem Bericht der hr-iNFO hatte sich der Wandel in der Politik jedoch längst vollzogen. Nach Recherchen und einer Anfrage erklärte das hessische Ministerium, Politiker mancher Parteien hätten in früheren Jahren die Schirmherrschaft für Gülen-nahe Veranstaltungen übernommen. Auch wenn Seyran Ateş diese politische Nähe als Gradmesser in ihrer Entscheidung miteinfließen ließ, spätestens nach dem Verfassungsschutzbericht und vielen kritischen Stimmen, hätten bei Seyran Ateş alle Alarmglocken schrillen müssen, doch der Kurswechsel wurde bereits eingeleitet.

Beim im ISS-DOME in Düsseldorf stand die Frauenrechtlerin als bekannteste Persönlichkeit als zur Verfügung, in der sie äusserte, früher gegenüber der Bewegung kritisch gestanden, jetzt aber nach Monaten ein eigenes Bild gemacht und die Vorurteile als unbegründet erachtet zu haben. Zwar hagelt es auch , doch das bekümmert sie nicht. Die Begeisterung sieht man der Rechtsanwältin und Frauenrechtlerin auch an, als sie zu den unzähligen geladenen Gästen des Spektakels darüber in höchsten Tönen spricht.

"Ich bin gerührt, es hat mir sehr gefallen. Jeder hat das heute betont, auch ich werde das gleiche sagen“, betonte die bekannte Frauenrechtlerin weiter, und fügte hinzu: „Früher bin ich der Hizmet-Bewegung mit Vorurteilen begegnet und kritisierte sie nur. Aber als ich Herrn Ercan Karakoyun (Vorsitzender der Stiftung Dialog und Bildung) und andere der Hizmet-Bewegung nahestehende Personen kennengelernt habe, merkte ich, dass ich der Bewegung  generell mit Vorurteilen begegne. Ich bin vor allem zu dieser Veranstaltung gekommen, um meine Vorurteile auf die Probe zu stellen.“

Veranstalter dieses Großspektakels war der Frankfurter Academy Verein für Bildungsberatung e.V., deren NRW-Arbeitsminister Rainer Schmeltzer übernahm. Die Academy ist eine Art Dachorganisation für rund 130 Privatschul- und Nachhilfevereine in Deutschland. Academy organisiert neben der Kulturolympiade auch den bundesweiten Pangea-Mathematik-Wettbewerb und für diese Veranstaltung standen die Politiker und namhaften Persönlichkeiten auch mit ihrem Namen ein. 

Seyran Ateş lässt sich dabei, ob bewusst oder unbewusst sei dahingestellt, vereinnahmen. Ob es die Ende 2015 ist, bei der sie den Prozess der Annäherung zur Gülen-Bewegung laut DTJ-Online "auf sympathische Weise" beschrieben habe oder die Mitte April 2017 zusammen mit Ercan Karakoyun, bei der über "" sinniiert wird, ob es nun ein Geheimbund oder Bildungsträger ist. Selbstredend, dass das Buch auch diesmal vom Autor (Ercan Karakoyun) in höchsten Tönen betont zur Geltung kommt und Ateş als Label dient. 

weist die Gülen-Gerüchte von der türkischen Religionsbehörde jetzt zwar weit von sich, doch gerade sie selbst hat ziemlich viel dazu beigetragen, dieses Bild zu schärfen und aufrecht zu erhalten. Professor Joachim Valentin, der Direktor des katholischen Zentrums "Haus am Dom“ in Frankfurt hat inzwischen den Kontakt zur Gülen-Bewegung abgebrochen. Den Grund gibt der Professor laut einem der SWR auch an: "Die gewachsene deutsche Medienaufmerksamkeit auf das Phänomen Gülen-Bewegung und die dabei ungeschickte bis hin zu taktisch verschleiernder Kommunikationsarbeit der Bewegung hat mich doch sehr nachdenklich werden lassen. Und zu einer Bewegung, die aktuell offenbar nicht in der Lage ist, die kritischen Fragen, an die gestellt werden, hinreichend deutlich zu beantworten, hat mich dazu bewogen, durch das Ruhenlassen des Mandates ein Zeichen zu setzen, dass klar die Perspektive "bitte beantwortet die Fragen bezüglich der Lichthäuser, bezüglich der Geschlechtertrennung, bezüglich der angeblichen ideologischen Indoktrinierung von jungen Menschen“, aber auch, was die Offenlegung eurer internen Organisationsstruktur angeht - „wer hat bei euch eigentlich das sagen, wie kommuniziert ihr untereinander, woher kommt das Geld" - all diese Fragen sind im Grunde bis heute nicht schlüssig beantwortet. Und das waren Gründe für mich, hier dieses Zeichen zu setzen."

Während also die meisten deutschen Politiker und Persönlichkeiten, darunter die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth alle sichtbaren Kontakte zu Gülen-nahen Institutionen gekappt haben oder ruhen lassen, andere inzwischen auf Distanz gehen, zeigte Ateş bis in die jüngste Zeit hinein ein reges Interesse daran, sich an diversen Veranstaltungen zu beteiligen, als Rednerin, Preisträgerin oder Diskurspartnerin zur Verfügung zu stehen und im Grunde die Vorwürfe gegenüber der Gülen-Bewegung als Verschwörungstheorie oder als Machtkampf zwischen Fethullah Gülen und dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan stehen zu lassen, quasi als der türkischen Regierung, die unter dem Einfluss der AK-Partei steht. Deutlich wird das u.a. durch die , bei der Ateş die Lesart der Gülen-Bewegung in Deutschland übernimmt und von der türkischen Justiz Beweise für die kruden Vorwürfe fordert.

Die Vorwürfe die die Diyanet jetzt gegenüber der Rechtsanwältin und Frauenrechtlerin erhebt, mögen unbegründet sein, doch die Haltung die Ateş dabei annimmt, sprechen eine andere Sprache, was auch der türkischen Community nicht entgangen ist. Eine Rechtsanwältin und Frauenrechtlerin, die sich mit sonst keiner religiös angehauchten Vereinigung derart in Szene setzen lässt, ausser mit Gülen-nahen Vereinigungen, muss sich der Kritik nun stellen. Denn diese Art der Inszenierung steht nicht im Verhältnis zu der ansonsten kritischen, sogenannten wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit irgend einem Thema, mit der Seyran Ateş sich bislang beschäftigte, brillierte und dafür auch bekannt wurde.

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