Deniz Yücel - Terrorpropaganda und Medienpropaganda

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Deniz Yücel - Terrorpropaganda und Medienpropaganda

01. März 2017 - 01:01
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Ob die Vorwürfe der türkischen Staatsanwaltschaft gegenüber dem Welt-Journalisten Deniz Yücel vielleicht zutreffen könnten, steht ausser Frage, zumindest für die deutsche Medienlandschaft. Fast stündlich werden neue Berichte, neue Kommentare veröffentlicht, die ein Ziel haben: Yücel freizusprechen.

Deniz Yücel - Terrorpropaganda und Medienpropaganda - Screenshot freedeniz.de

Kommentar / TP - Die Arbeit eines Journalisten sollte eine objektive und nicht eine richtungsorientierte Berichterstattung sein. Das aber wirft die türkische Staatsanwaltschaft in Istanbul dem deutsch-türkischen Welt-Journalisten Deniz Yücel vor. Der Haftrichter sah es am Montag als begründet an und ordnete die Untersuchungshaft an.

Deniz Yücel ist kein ungeschriebenes Blatt, wenn es um Türkei-Berichte geht. Ob bei den Gezi-Protesten oder dem PKK-Terror, stets hatte Yücel ein gewisses Händchen dafür, die Richtung der Debatten in Deutschland vorzugeben. Gerade Journalisten wissen sehr wohl, wie man mit Text und Sprache jonglieren  und wie sie dem Leser mit versteckten semantischen Textverknüpfungen, psychologisch sehr wirkungsvoll negativ behaftet im Subtext nahe bringen kann.

Das bedeutet, Journalist zu sein, Journalismus zu betreiben bedeutet auch, Verantwortung zu tragen. Wir leben jedoch mittlerweile und leider in einer Zeit, in der viele Journalisten schreiben, was von Ihnen verlangt wird. In der Türkei schimpfen sich Aktivisten Journalisten, die der Terrororganisation zuarbeiten oder eine bestimmte extremistische Ideologie vertreten, während andere die Gezi-Proteste und die Gewalt dabei als Maßstab für die Demokratie der Türkei nehmen. Ob oder von wem die Gewalt ausging, steht dabei nicht zur Debatte, wenn die Polizei mit Wasserwerfern und Tränengas anrückt, die Belagerung von Städten durch die PKK mit Militär und Sondereinheiten der Polizei beendet wird.

Wer seine Verantwortung als Journalist dazu missbraucht, bestimmte Tatsachen auszuklammern, Informationen vorzuenthalten, unterschwellig Botschaften verbreitet und dabei die Gesellschaft in einem Maß dazu anstachelt, diese Zustände nicht mehr zu tolerieren, ja sogar gegen die Ordnung vorzugehen, der braucht sich auch nicht über die Konsequenzen zu wundern. Es ist daher nicht überraschend, das in der Türkei sehr viele Journalisten, und ja, auch Politiker inhaftiert sind. Die Blätter für die sie berichten sind namentlich bekannt und für ihre eigentliche Arbeit ebenso. 

Die Türkei ist auch nicht Deutschland, in der es sich gut leben lässt, weil niemand einen Bombenanschlag der Terrororganisation PKK, einen Selbstmordanschlag der Terrormiliz DAESH, einen feigen Terroranschlag der TAK, TIKO, DHKP-C zu befürchten hat, vor allem weil Deutschland inmitten von Europa liegt, ihre Grenzen an andere EU-Staaten grenzt und somit ziemlich sicher ist. Deutschland darf deshalb von sich nicht auf andere schließen, vor allem nicht auf die Türkei, die täglich mit Terror und Gewalt gegen Bürger und Sicherheitskräfte beschäftigt ist.

Stattdessen muss Deutschland sich die Frage stellen, weshalb sie in einer ruhigen Lage selbst Journalisten belangt, ihnen mit Konsequenzen droht, wenn sie nicht so parieren, wie man es ihnen nahegelegt hat. Man erinnere sich nur an "Nikolaus Brender", "Eva Hermann", "Jürgen Grässlin", "Danuta Harrich-Zandberg" oder "Daniel Harrich". Weshalb gibt es kein Aufschrei, wenn Journalisten am Flughafen abgefangen werden, um unter anderen an Staaten ausgeliefert zu werden (Ahmed Mansour), bei der die Todesstrafe droht. Deutschland ist kein Vergleich für die Türkei wie sie sich auch nicht darüber echauffieren kann, was die Türkei mit mutmaßlichen Terror-Befürwortern oder Propagandisten rechtlich betrachtet veranstalten kann. Erst kürzlich verabschiedete die bayrische Landesregierung in einem Hauruck-Verfahren das sogenannte Unterbindungsgewahrsam, womit schwammig formuliert "Gefährder" für unbestimmte, sprich unbegrenzte Zeit ihrer "Freiheit" beraubt werden können.

Deutsche Medien und Ihre psychologische Funktion

Ist der Ruf erst einmal ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert. Frei nach diesem Motto haben es sich die Medien in Deutschland scheinbar zur Aufgabe gemacht in Zukunft kein gutes Haar mehr an Ihrem türkischen NATO-Partner zu lassen. Seit geraumer Zeit hört und liest man in Deutschland überall ausschließlich Negativmeldungen über die Türkei und Ihrem Staatsoberhaupt Erdogan.

Dabei scheint es vollkommen unerheblich zu sein, welcher Thematik sich die Beiträge widmen. Die Richtung in die es gehen soll ist offensichtlich und klar. 
Seien es nun Unterhaltungssendungen wie "Goodbye Deutschland", "Lehrblätter" im deutschen Schulunterricht oder aber ernstzunehmende politische Beiträge der Leitmedien. Auf letzteres beschränken sich die deutschen Medien jedenfalls seit dem umstrittenen "Böhmermann Gedicht" nicht mehr.

Klar ist somit für viele Türken, die Türkei soll in jeglicher Form diskreditiert werden. Diesen Umstand kann man auch wohl kaum noch leugnen, ohne dabei rot zu werden. Hier sind einige Auszüge der Berichterstattung auf dem Onlineportal des "Focus" allein vom heutigen Tag. Wohlgemerkt sind das nur einige Auszüge die mal gerade eben zusammengesucht wurden. Bis dieser Beitrag geschrieben wurde, wird der Focus sicherlich noch die eine oder Meldung dieser Art hinzu editieren haben:

um 07:02 Uhr - Untersuchungshaft für "Welt"-Korrespondenten
um 11:24 Uhr - Kritische Journalisten in der Türkei unter Druck
um 12:19 Uhr - Das müssen Sie alles über die Türkei wissen
um 13:04 Uhr - Bouffier kritisiert Yücel-Untersuchungshaft
um 16:14 Uhr - Türkische Gemeinde bestürzt über Inhaftierung
um 17:23 Uhr - Große Solidarität für inhaftierten Journalisten Yücel
um 17:49 Uhr - Autokorso für inhaftierten Journalisten Yücel
um 18:12 Uhr - Der deutsche Journalist Deniz Yücel
um 18:13 Uhr - Empörung in Deutschland über U-Haft für Yücel
um 18:46 Uhr - Protest gegen Inhaftierung von Deniz Yücel

Fast stündlich bringt der Focus, wie auch die meisten anderen deutschen Medien eine Negativmeldung nach der anderen und dressiert seinen Lesern eine "Türkei = Böse" Meinung an. Keiner der Leser kennt Yücel privat und weiß somit auch nicht, ob dieser Mann in welcher Form auch immer, Dreck am stecken hat oder nicht, oder welche Beweise ihm dort zur Last gelegt werden. Auch wird in keinem der Berichte näher auf den Inhaftierungsgrund eingegangen. Dieser scheint für die hiesigen Medien wohl nicht in besonderem Maß von belang zu sein, solange die Story Ihre Aufgabe erfüllt, die Türkei und Ihre Rechtstaatlichkeit in Frage zu stellen.

Wie objektiv die Berichterstattung der hiesigen Medien zu sein scheint, kann man anhand solcher Bashing-Berichte wohl erahnen. Untersuchungshaft bedeutet in der Türkei jedenfalls das selbe, wie es auch hier der Fall ist, dass der Beschuldigte unschuldig ist, bis seine Schuld nachgewiesen wurde.

Ebenso wird auch in Deutschland die Untersuchungshaft angeordnet, wenn besondere Umstände wie z.B. Fluchtgefahr bzw. Verdunkelungsgefahr vorliegen. Was möchten die Medien also mit dieser, über Monate, andauernden Kollektivhetze erreichen?

Es soll selbstverständlich ein Umdenken in der Bevölkerung erreicht werden. Denn der Türke von heute wird in Deutschland nicht mehr gebraucht. Er kann die deutsche Sprache, er ist gebildet, er kennt seine Rechte und er lässt sich nicht mehr als Niedriglöhner ausbeuten und schon gar nicht von seinem verfassungsgemäßen Recht abbringen.

Mit den "Wir schaffen das" Flüchtlingen ist die Ablösung ja bereits da und startbereit. Zudem kann man ein NATO-Partner nicht ohne weiteres in Grund und Boden bombardieren, wie man es mit dem Irak und Syrien getan hat. Hier muss man erstmal die Medien vorschicken, um die Türkei als Teil der "Achse des Bösen" darzustellen. Islamisch ist die Türkei ja bereits und mit ein wenig Medienhilfe und Ihrer psychologischen Funktion, kann man der Türkei sicherlich auch noch den "islamistischen" Stempel aufdrücken.

Und schon wird der deutsche Bürger verstehen und beführworten, wenn man die Türkei aus der NATO ausschliessen möchte. Schliesslich beginnt der Nahe Osten ja streng genommen jenseits des Bosporus. So sieht es aus, wenn deutsche Politik versucht mit Hilfe Ihrer Medien türkische Innenpolitik zu machen. Schmutziger kann man einem Partner das Messer nicht in den Rücken rammen.

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