Nach Krim, Georgien, Syrien nun ein neues Unruheherd?

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Nach Krim, Georgien, Syrien nun ein neues Unruheherd?

03. April 2016 - 19:51
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In russischen Medien wird seit den ersten Gefechten zwischen Armenien und Aserbaidschan im von Armenien okkupierten Berg-Karabach wieder die Werbetrommel gerührt. Und in deutschen Medien wird unterschwellig an den Erdogan-Bashing angeknüpft. Armenischstämmige, kurdischstämmige deutsche Ultranationalisten scheinen auch einem Krieg nicht abgeneigt gegenüber zu stehen, wenn es ihre Interessen entspricht. Dabei hat Deutschland selbst ein enormes Image-Problem mit Putin bzw. Putin mit Europa, dessen Trolle die deutschen Medien durcheinander wirbeln.

Baku/TP - In russischen Staatsmedien wird der russische Bär zum tanzen gebracht und ehemals so friedliebende Politiker mutieren zu Ultranationalisten. Eine Weisheit besagt, dass ein hungriger Bär nicht zu tanzen vermag. Also wird Futter bereitgestellt, für das wohlbefinden der russischen Seele und damit indirekt zur Befriedigung anderer Gelüste seitens deutscher Politiker und Interesssensvertreter: ein Angriffskrieg der Aserbaidschaner gegen die orthodoxen Armenier in Berg-Karabach. Nichts über die von Armenien auf aserbaidschanisches Territorium abgeschossenen Granaten und Mörsern - mehr als 127 in 24 Stunden - die zivile Menschenleben gefordert haben. Stattdessen werden in russischen Medien tote Zivilisten auf armenischer Seite offen zur Schau gestellt. Dabei ist das durch Armenien völkerrechtswidrig besetzte Berg-Karabach und als ob das nicht reicht, die mit Gewalt geschaffene Pufferzone innerhalb aserbaidschanischen Territoriums auch Putin gekannt. Das russische Militär hatte tatkräftig dabei mitgewirkt, Chodschali zusammen mit armenischen Einheiten ethnisch zu säubern.

Es geht aber nicht darum, wer zuerst angefangen hat die Waffenruhe zu brechen und eines der schwersten Gefechte seit 1994 zu provozieren, sondern um den anhaltenden Status quo. Dieser langanhaltende Konflikt bietet sich geradezu an, im Weltgeschehen für die eine oder andere Partei instrumentallisiert zu werden, und davon gibt es wahrlich genug. Putin hat mit der Krim, Georgien und Syrien gezeigt, wie Unruheherde angefacht oder verschärft werden können. Putin hat auch gezeigt, wie man mit europäischen Medien umgehen muss, um ihnen eine Lektion zu erteilen. Jedoch, und das ist erstaunlich, zeigt sich auf eindrucksvolle weise, wie verbissen die europäischen Medien noch immer an der Berichterstattung über die Türkei, besser gesagt Erdogan festhalten und dabei nicht einmal merken, dass das Weltgeschehen geradezu umgekrempelt wird. 

Armenien ist eine Besatzungsmacht, nicht nur in Berg-Karabach, dass vormals eine Autonomieregion Aserbaidschans war, sondern auch auf aserbaidschanischem Gebiet. Der Europarat
betrachtet Berg-Karabach als ein von "separatistischen Kräften" kontrolliertes Gebiet. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hat in drei Erklärungen bestätigt, dass Berg-
Karabach zum aserbaidschanischen Gebiet gehört. Dabei ist die Pufferzone, die Armenien auf aserbaidschanischem Boden zusätlich mit Gewalt errichtet hat, noch nicht einmal
erwähnt. Jetzt wird von Seiten dieser unter der Prämisse des Friedens die seit 1994 gültige Waffenruhe eingefordert. Putin reiht sich aussenpolitisch mit ein, aber innenpolitisch hat der Tanz begonnen. Auch in Deutschland erlaubt man sich über den erneut entfachten Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan Zukunftsprognosen zu treffen, die weit über das aserbaidschanische Territorium hinausgehen. Eine ehemalige CDU´lerin vermag sogar keine Probleme damit zu haben, nach Baku, der Haupstadt Aserbaidschans mitzumarschieren. Kriegstreiberei?
 

Auf nach Baku :)#GottBeschützeArmenienArzach#NiederMitDiktatorAliyevZu den aktuellen kriegerischen...

Posted by Madlen Vartian on Samstag, 2. April 2016

Diese krude Vorstellung kann auch nicht durch noch so viele Gegenargumente gemildert werden. Angeblich hätten die Aserbaidschaner schon zuvor gezeigt, wie intollerant man
gegenüber der christlichen Minderheit der Armenier in Berg-Karabach gewesen sei und zählt dabei munter all die Pogrome seitens der Aserbaidschaner auf. Die Folgen kennt man allzugut: das Massaker von Chodchali, die völkerrechtswidrige Besetzung oder die Vertreibung von mehr als 1 Millionen Aserbaidschanern. Wenn man so argumentiert wie eine Madlen Vartian, die schon in der Vergangenheit so ziemlich mit vielen kruden Gedanken und rassistischen Postings aufgefallen war, ist man kein deut besser, wie die angeblich türkischen Ultranationalisten in Deutschland, die mit ihrer Dolchstoßlegende die Umsiedlung von Armeniern im Jahre 1915 rechtfertigen, was ja sie und andere in der Vergangenheit vortrugen. Darüber hinaus wird der selbstgesteckte Anspruch, man wolle solche Ereignisse wie im Osmanischen Reich als verantwortungsbewusste Menschen verhindern, völlig ins absurdum geführt. 

Es zeigt sich aber wieder einmal, wie in der deutschen Parteilandschaft nicht nur Lobbyismus und mediale Aufmerksamkeit etabliert wird, sondern auch christliche Fundamentalisten
und Ultranationalisten, die sich im Fahrwasser einer generell antimuslimischen und antitürkischen Stimmung für eine russisch-eurasische, russisch-syrische Aussenpolitik
starkmachen, völlig neben der Spur liegen, nur um diese anhaltende Stimmung weiter auszureizen. Darüber kann auch der Vorwand nicht hinwegtäuschen, Aserbaidschan selbst sei ein
diktatorisches Regime, dessen Demokratiedefizite beinahe mit der Türkei gleichgesetzt werden, nur weil der "Bruderstaat" trotz des Status quo zu Aserbaidschan hält. Es
kann auch nicht der Vorwand darüber hinwegtäuschen, die Kurden in Syrien würden durch die türkische Aussenpolitik der IS ausgeliefert werden. Gerade die syrisch-kurdische Politik der PYD hat dazu beigetragen, dass abertausende Syrer aus ihren Häusern vertrieben wurden oder nicht mehr zurückkehren können, weil die PYD sie daran aktiv hindert.

Insbesondere in der CDU, aber auch in anderen Parteien hat sich eine breitgefächerte Interessensgruppe etabliert, die nicht nur die antitürkische Stimmung mit der Armenier-Keule schürt, sondern auch den ewigen Mythos des baathistischen Völkermörders Assad und Hussein als Christenfreunde hochhalten oder den neuen Einfluss der Partei der Demokratischen Union (PYD) in Syrien, mit ihrem bewaffneten Arm der YPG, oftmals positiv unterstreichen, die durch Menschenrechtsverletzungen nicht nur aufgefallen, sondern drauf und dran sind, das von ihnen besetzte Gebiet de facto zu kurdiisieren, ein Regime aufzubauen. 

In all diesen Machenschaften darf nicht vergessen, dass die praktischen Erwägungen des Kreml, wie z.B. die weitere Schwächung, Destabilisierung und Zersetzung eines enorm
bedeutsamen - aber unter Erdogan sehr schwierig gewordenen - NATO-Partners Türkei, sowie die Fortsetzung der aggressiven eigenen Destabilisierungsanstrengungen gegenüber der EU,
NATO und USA - gerade auch durch das Erschaffen oder Wiederanheizen einer Vielzahl von bewaffneten Konflikten in allen möglichen Weltregionen, auch die Region Berg-Karabach
miteinbeziehen kann. Putin kann nur als Gewinner hervorgehen, nicht nur innerpolitisch, wo die Medien bereits die Werbetrommeln einstimmen, sondern auch wirtschaftlich, denn
beide Konfliktparteien werden seit Jahren mit schweren Offensivwaffen beliefert und regelrecht hochgerüstet. Armenien dient dem Kreml überdies als letzte Bastion gegen die NATO
und diese müssen gewahrt werden. Dabei kann ein kleiner Scharmützel zwischen den Konfliktparteien auch als Signal an die EU und NATO verstanden werden, wie weit man zu gehen im
stande wäre, angesichts der massiven Präsenz russischen Militärs in Armenien. Dass der "Beistandspakt" des iranischen Mullah-Regimes dabei untergeht, ist nur beiläufig erwähnt. Diese Interessensgruppen sehen dann gerne darüber hinweg, um in anderen tagespolitischen Geschehen erneut die Keule auszupacken und über das Mullah-Regime und anderen angebliche Regimes zu schwadronieren.