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Die Empathie der Europäer für die YPG / PKK

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Die Empathie der Europäer für die YPG / PKK

05. Februar 2018 - 21:53
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Bislang sind seit August 2014 alleine im Irak und in Syrien mindestens 6.000 Zivilisten bei Luftschlägen sowie Bodenoffensiven der Koalitionskräfte getötet worden. Über 100.000 Bomben und Raketen wurden seitdem über dem Irak und Syrien abgeworfen oder abgefeuert. Bis heute hat kein Nationalparlament, kein Politiker oder eine NGO in Europa die eigene Regierung oder die eines Koalitionspartnerlandes mit Appellen, öffentlichen Briefen oder Protestmärschen demonstrativ aufgefordert, die Luftschläge oder Bodenoffensiven sofort einzustellen. Ganz anders im Falle der Türkei, die seit Mitte Januar dieses Jahres eine Militäroperation in Nordsyrien begonnen hat.

Konzentration der Luftschläge der Anti-IS-Koalition im Irak und Syrien - Quelle: airwars.org

Kommentar / TP - Kaum beachtet von der internationalen Öffentlichkeit wurden seit August 2014 im Irak und in Syrien mindestens 6.000 Zivilisten bei Luftschlägen sowie Bodenoffensiven der US-geführten Koalitionskräfte getötet. Die Dunkelziffer wird wohl weitaus höher sein. Über 100.000 Bomben und Raketen sind bislang über dem Irak und Syrien abgeworfen oder abgefeuert worden. Die zivilen Todesopfer durch Luftschläge des syrischen Regimes oder Russlands sind da nicht mit eingerechnet.

Dafür wurden die Erfolge mitverfolgt, die man z.B. in einer einst 2,9 Millionen Einwohnerstadt wie Mossul, die während der Operation der internationalen Anti-IS-Koalition auf rund 200.000 Einwohner geschrumpft war, mit rund 1.900 Luftschlägen erreicht hatte. In der noch 70.000 Einwohnerstadt Tal Afar wurde die Terrormiliz IS mit rund 660 Luftschlägen vertrieben. Im Gegensatz dazu benötigte die US-Allianz für die syrische Grenzstadt Ain al-Arab (Kobane) die einst etwa 50.000 Einwohner hatte und während der Operation nur noch wenige Dutzend Einwohner zählte, sage und schreibe über 1.200 Luftschläge, um sie zurückzudrängen. Die Einwohner konnten jedoch noch rechtzeitig über die türkische Grenze flüchten. Man schätzt die Zahl derer, die zwischen September 2014 und Januar 2015 aus Ain al-Arab in die Türkei flüchteten, auf rund 40.000.

Laut einer Analyse der NGO Airwars gab es dabei in Ain al-Arab allerdings einen einzigen Zivilisten, der dabei getötet wurde. Ain al-Arab bzw. Kobane war also eine einzige Inszenierung. Es sollte mit einer Art "kurdischem Stalingrad" der politische Gründungsmythos eines PKK-Staates geschaffen werden. In diesem Zusammenhang sei auch an die eindringlichen Warnungen der EU erinnert, mit denen die Türkei von einem Eingreifen abgehalten werden sollte. Nichts anderes geschieht gerade in Afrin. Im Vergleich mit Ain al-Arab: In Ar-Raqqa lebten während der Luftangriffe der US-geführten Koalitionskräfte nach unterschiedlichen Schätzungen noch rund 70.000 Zivilisten in der Stadt. Nach Ansicht der Airwars starben dabei etwa 850 Zivilisten, in Tal Afar etwa 190 und in Mossul 560 Zivilisten. Ain al-Arab war also leer, als die Luftschläge begangen und die YPG als heroische Sieger hervortraten, um die Terrormiliz IS zu vertreiben.

Bis heute haben es nur wenige Institutionen oder NGO´s in die Schlagzeilen geschafft, um auf die Tragödien in Tal Afar, Mossul oder Ar-Raqqa energisch hinzuweisen. Dafür umsomehr bei Ain al-Arab. Überdies, vom Konflikt in Jemen ganz zu schweigen, wird die europäische Öffentlichkeit nur mit Randnotizen über die Luftangriffe in Gazastreifen informiert. Genauso bescheiden fällt dabei auch die Empathie und die Solidarität aus, die aufgrund der medial aufgeputschten Antisemitismus-Debatte im übrigem auf die in Europa lebenden Muslime fixiert zu sein scheint.

Ganz anders sieht es nach den fast schon stündlich fettgedruckten Titelschlagzeilen über die türkische Militäroperation "Olivenzweig" aus. Seit die Operation sich nun in der zweiten Woche befindet, berichten Medien ununterbrochen über zivile Opfer im Distrikt Afrin im Gouvernement Aleppo, die an das türkische Staatsterritorium angrenzt. Darüber hinaus werden offensichtlich ungeprüft Meldungen übernommen, die von der Verwendung von Napalmbomben durch die türkische Luftwaffe, Kriegsgräuel der teilnehmenden Milizen der Freien Syrischen Armee (FSA) sowie Zerstörung von Kulturstätten berichten. Dabei wird zwar darauf Wert gelegt, die Berichte mit "offenbar", "mutmaßlich" oder "laut Berichten syrischer Beobachter" zu untermalen, aber die Wirkung der Titelschlagzeilen ist genauso verheerend wie wohl beabsichtigt. Das Ergebnis erkennt man an der fast schon einstimmigen Meinung darüber in Europa, was die türkische Operation ist: ein "Angriffskrieg auf Kurden."

So sehr sich auch die türkische Regierung oder der Generalstab bemüht, die Operation transparent zu gestalten, so aussichtslos erscheint ihr Bemühen angesichts einer gefestigten Meinung in Europa. Man betont zwar, dass die Rücksichtnahme auf Zivilisten gewährleistet ist, verschweigt aber auch nicht, dass diese Fälle vorkommen würden. Auch die türkischen Medien sind sich inzwischen bewusst, dass die Operation "Olivenzweig" wie bei der vorherigen Mission "Schutzschild Euphrat" kein Spaziergang wird. Man steht keiner regulären Armee gegenüber, die Zivilisten aus umkämpften Gebieten oder Städten räumt, auch weil das Gebiet, dass von Volksverteidigungseinheiten (YPG) gehalten wird, vom Führer des bewaffneten Armes der PKK, der HPG Murat Karayilan, die Region als letzte Bastion bezeichnet hat und alle zum ausnahmslosen Widerstand aufrief.

Was das bedeutet, erlebte man in Tal Araf, in Mossul oder in Ar-Raqqa. Hier wurden die Städte von der Terrormiliz IS befestigt, die noch zurückgebliebenen Zivilisten als Schutzschild gegen die Luftangriffe und Bodentruppen aufgestellt. Die Türkei erlebte diese Taktik nach der sogenannten "Befreiung Kobane". Hunderte Anhänger und Sympathisanten der PKK lieferten sich monatelang in zahlreichen Städten einen regelrechten Häuserkampf im Südosten der Türkei, ohne dabei Rücksicht auf die Zivilbevölkerung zu nehmen. Die Zivilisten dienten dabei ausschließlich als Schutzschild und zum anderen als Beleg dafür, wie hart die türkischen Sicherheitskräfte dabei gegen die Zivilbevölkerung vorging. Die Rechnung ging jedoch nicht auf, nach dem die Zivilbevölkerung sich in den gesicherten Stadtvierteln von Sicherheitskräften umquartieren ließ und aus dem Kreuzfeuer genommen wurden.

Nichts anderes wird sich aller Voraussicht nach auch in Afrin abspielen, die gegenwärtig laut gesicherten Informationen türkischer Medien zu einer Festung ausgebaut wird, in der nach bisherigen Schätzungen bis zu 60.000 Zivilisten leben und womöglich von der YPG daran gehindert werden, zu flüchten, obwohl das möglich wäre. Inzwischen gehen Berichte ein, wonach die YPG-Einheiten angewiesen worden sind, sich beim ständigen Rückzug in kleineren Gruppen in Dörfern oder Siedlungen einzugraben. Der größte Teil sei bereits in Afrin konzentriert, so die Tageszeitung Hürriyet in ihrer gestrigen Ausgabe.

Die Operation selbst wird trotz des langsamen Vormarschs der türkischen Truppen und der Verbündeten, der FSA, von türkischen Medien bislang rundweg als erfolgreich bewertet, auch wenn die Meldungen aus Europa anders klingen. Die türkische Regierung kann nachwievor auf die Opposition zählen, die sich trotz der einzelnen Gegenstimmen geschlossen zeigt. Das führte u.a. dazu, dass Umut Oran, stellvertretender Vorsitzender der Republikanischen Volkspartei (CHP), in der vergangenen Woche (27.1.) plötzlich verkündete, seinen Posten als stellvertretender Vorsitzender der Sozialistischen Internationale nach drei Jahren Amtszeit niedergelegt zu haben.

Laut Oran sei das eine Reaktion auf eine Erklärung der Sozialistischen Internationale (SI) in Zusammenhang mit der Afrin-Offensive des türkischen Militärs und dem Umstand, dass er über das Statement der SI nicht in Kenntnis gesetzt worden sei. Außerdem sei die Operation in Afrin gerechtfertigt und könne nicht darüber hinwegtäuschen, dass die SI die Waffenlieferungen der imperialistischen Mächte an die PYD/PKK geflissentlich übergehe, so Oran in einem Beitrag im Kurznachrichtendienst Twitter. Die Sozialistische Internationale ist ein weltweiter Zusammenschluss von sozialistischen und sozialdemokratischen Parteien und Organisationen. Insgesamt gehören ihr 168 Parteien und Organisationen an. Ihr ständiger Sitz ist London.

Die gegensätzlichen Ansichten über die militärische Operation in Nordsyrien sind offensichtlich so groß, dass sich nicht einmal mehr die sozialdemokratische und kemalistische Partei mit dem europäischen Sozialisten identifizieren kann. Nicht anders sieht es in Europa selbst aus, wo eine Mehrheit der Türkischstämmigen in der Operation einen Kampf gegen den Terrorismus sieht, nicht anders als die Operationen der USA und ihrer Verbündeten gegen die Terrormiliz IS. Ihre Empathie und Solidarität genießt dabei traditionell die türkische Armee, weniger die Regierung, was auch an der Haltung der Opposition ersichtlich ist.

Während in der Türkei also die Bevölkerung hinter dem militärischen Eingreifen gegen eine Terrororganisation steht, scheint es in Europa ein vorgeheucheltes Empathie-Empfinden zu geben, die das Gewissen beruhigen soll. Nicht nur europäische Menschenrechtsorganisationen haben es sich inzwischen zur Aufgabe gemacht, ausgerechnet bei dieser Operation die Messlatte besonders hoch anzusetzen, auch einzelne Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Theater und Film sowie Politik haben herausgefunden, dass die Empathie-Bekundung gegenüber Afrin längst hätte erfolgen müssen. Für die Türkischstämmigen in Europa steht indes fest, dass die Moral die vorgehalten wird eigentlich einer Terrororganisation dient. Sie Fragen sich jetzt: "wo wart ihr eigentlich bislang?"

Es wird noch deutlicher, wenn man sich mit den Reaktionen Europas in Zusammenhang mit der "Flüchtlingskrise" befasst. Es finden weiterhin Hunderte Flüchtlinge während der Überfahrt übers Mittelmeer den Tod, ohne dass es Konsequenzen gibt. Die einzige Konsequenz lautet, die EU-Grenze noch weiter auszubauen. Es erregt mit den Worten des FAZ-Journalisten Rainer Hank, nicht mehr Mitleid als die "Qual von Tieren, deren Atemwege gereizt wurden?"

Seit Mitte Januar melden Beobachter in Syrien in der Provinz Idlib sowie Damaskus erneut den Einsatz von Giftgas gegen die Zivilbevölkerung. Bislang vermochte man nicht, den Einsatz gegen die syrische Bevölkerung lautstark scharf zu verurteilen und zum Ausdruck zu bringen. Jüngsten Meldungen zufolge wurden nach den Gasangriffen, recherchen der Menschenrechtsorganisation (STJ) und der Plattform "Bellingcat" zufolge, Reste der Rakete entdeckt, aus der hervorgeht, dass auch deutsche Produkte bei der Raketenherstellung Verwendung fanden. Wie und auf welchen Umwegen die Materialien aus Deutschland ins syrische Waffenarsenal gelangten, darüber wird man jetzt breit und heftig diskutieren. Helfen wird es den Opfern nicht.

Heftig diskutiert wird ja derzeit weiterhin der Einsatz von deutschen Leopard 2A4 Panzern bei der türkischen Operation "Olivenzweig". Man hat in Deutschland aufgrund des Drucks der Öffentlichkeit die Lieferung von Waffenexportgütern in die Türkei daher vorerst eingestellt. Die Operation selbst wird dadurch weder gefährdet, weil die Lieferung selbst etliche Wochen und Monate gedauert hätte, noch wird sie dadurch verzögert. Trotzdem ebbt die Diskussion und die Forderung nach einem sofortigen Waffenexport-Stopp nicht ab.

Es scheint sich zu bewahrheiten, dass die europäische Öffentlichkeit aufgrund des Empathie-Empfindens gegenüber der YPG und PKK in Euphorie verfällt, wenn die türkische Regierung dadurch in ihren Augen in Bedrängnis gerät – ob auf diplomatischer Ebene oder wirtschaftlich, spielt dabei keine Rolle mehr. Das wird vor allem an den Reaktionen in Deutschland ersichtlich, nach dem jetzt bekannt wurde, dass die niederländische Regierung ihren Botschafter aus der Türkei „offiziell“ abgezogen hat. Bei den Kommentaren zu den Berichten in den Medien ist die übereinstimmende Meinung abzuleiten, dass die niederländische Regierung noch Rückrat besitzt und Erdogan die rote Karte gezeigt hat – anders als die Bundesregierung.

Was bei aller Euphorie jedoch untergeht ist aber, dass die Niederlande sich in über 10 Monaten mit der türkischen Regierung nicht einig werden konnte, um den niederländischen Botschafter wieder in Ankara einzusetzen. Es ist also vielmehr eine symbolische Geste, da der niederländische Botschafter seit März 2017 nicht in die Türkei einreisen durfte.

Das europäische Empathie-Empfinden zu den Niederlanden oder der YPG und PKK ändert auch nichts daran, dass die allgemeine Haltung einer sehr breiten Öffentlichkeit in der Türkei gegenüber dem politischen Schlagabtausch oder diesen Terrororganisationen sich nicht geändert, ja sogar gefestigt hat - weder während der Vorgängerregierungen der amtierenden AKP-Regierung, noch gegenwärtig. Daher haben die europäischen Schlagzeilen wie "Erdogan führt Krieg gegen die Kurden", gegenüber der türkischen Öffentlichkeit, eine verheerende Wirkung. Es macht sich immer mehr die Meinung breit, dass Europa selbst in dieser Konfliktregion als Macht fungieren will und die amtierende türkische Regierung hier entscheidend dazwischenfunkt. Diese Meinung teilen nicht nur die Wähler der AKP, sondern nahtlos auch die Wähler der Opposition.

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