Türken: Schuld ist auch die einseitige Berichterstattung

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Türken: Schuld ist auch die einseitige Berichterstattung

06. Dezember 2017 - 03:10
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Viele Türken in Deutschland haben es satt, fast schon stündlich einseitig-negative Berichte über die Türkei zu lesen, zu sehen oder zu hören. Sie sehen was hier eigentlich wirklich los ist, weil sie zwischen zwei "Welten" switchen können. Die Sprachgewandtheit und der Bezug zu beiden Ländern, Deutschland und der Türkei ist es, die sie zu dem machen, was Sie sind: objektive Beobachter.

Türken: Schuld ist auch die einseitige Berichterstattung

Kommentar / TP - Kürzlich erschien in deutschen Medien erneut eine Studie über rund 2.800 Türken, in der die Schlussfolgerung gezogen wurde, je mehr Bildung, desto unabhängiger die Meinung. Sprich, man suggeriert eigentlich, dass die Bildung das Maßstab aller Dinge ist, um festzustellen, wer hier angekommen und wer noch mit dem Kopf in der Türkei hängen geblieben ist.

Dabei muss man nicht erst Studien heranziehen, die Türkenviertel Deutschlands aufsuchen und sich den einen oder anderen Türken aus der Masse herausgreifen, um aus ihm die eine oder andere kritische Stimmen über die Türkei zu bekommen, die in den hiesigen Medien fortwährend etabliert werden. Selbstverständlich gibt es auch hin und wieder objektive Berichterstattungen, doch gefühlte 9 von 10 Nachrichten oder Meldungen zeigen ein düsteres Bild der Türkei auf.

Das geht soweit, dass das Bild einer desolaten Wirtschaft die Türkei bald in den Abgrund stürzen wird und nach Meinung vieler Kommentatoren unter diesen Nachrichten und Meldungen wünscht man sich beinahe sehnlichst, dass das türkische Wahlvolk wegen ihrer politischen Entscheidung auf die Schnauze fällt, um zu erkennen, in welchem Wahn sie da gefangen, dem "Hitlerreich" entgegensteuern. Aber dies deckt sich eben nicht mit den Erfahrungen der Mehrheit der Türken, ob gewöhnlicher Arbeitnehmer, Hartz4-Bezieher oder Akademiker. Die Wirtschaft boomt und Erdogan ist populär und wenn sie mal nicht boomt, dann war es die westliche Welt - so einfach ist das inzwischen. Man besucht ja ständig das Land und kann sich selbst ein Bild davon machen. Außerdem haben die meisten quasi eine Standleitung in die Heimat, mit der sie ständig in Kontakt mit der Verwandtschaft stehen und über die Tagesabläufe, aber auch über die politischen wie wirtschaftlichen Zustände bestens informiert werden.

Das mag für den Außenstehenden nicht nachvollziehbar erscheinen, aber die Türken sind auch in der dritten oder vierten Generation in Deutschland nachwievor sprichwörtlich soziale Kletten, die viel für die Familie und Verwandtschaft übrighaben. Als der Putschversuch in der Türkei am 15. Juli 2016 losbrach, war die Anspannung in Deutschland knisternd zu spüren. Man nahm Kontakt mit den Familien in der Heimat auf, erkundigte sich über sie, teilte ihre Sorgen und Befürchtungen, sprach ihnen Trost und Mut zu.

In den hiesigen Medien überstürzten sich die Meldungen. Mal hieß es, der Präsident setze sich nach Europa ab, andere sprachen schon fast zynisch über einen ganz normalen Coup, der sich übers Land ausbreitete. Welche Konsequenzen zieht man daraus? Man wechselt einfach zu türkischen Medien, die man problemlos übers Internet oder Schüssel erreicht. Dort kann man seine Informationen aus erster Hand entnehmen.

Seit Jahren hat sich in der deutschen Berichterstattung einiges geändert. Das fühlen auch die Türken hierzulande. Sie verfolgen daher eher türkische Medien, ob oppositionsnah oder regierungsnah, völlig unerheblich. Man kann in Ruhe abwägen, was die eigenen Pappenheimer da für ein Mist erzählen oder entscheidende Informationen liefern, die die eigene Meinung bilden. Selbst junge Menschen, die Alten sowieso, schauen türkisches und nicht deutsches TV, und das zurecht. Es wird auch nichts bringen, alternative deutsche Medien anzubieten, die inzwischen in türkischer Sprache die Türken anlocken wollen. Wer noch immer nicht verstanden hat, wieso die Türken sich lieber mit türkischen Medienberichten eindecken, der wird auch mit spektakulären Auftritten oder Exiloppositionellen keinen Türken davon abbringen, weiterhin türkische Medien zu konsumieren.

Vor allem fehlt es an Diskussionsbedarf, an der auch Türken gleichberechtigt beteiligt werden. Wenn man Talkshows verfolgt, in der die überwältigende Mehrheit der Diskussionspartner aus deutschen "Experten" zusammengesetzt sind und der einzige Türke als Gesprächspartner auf weiter Flur alleine steht und kaum Redezeit erhält, weil die Moderatoren alle paar Sätze ihm ins Wort fallen, dann überkommt einen schleichend das Gefühl, dass das beabsichtigt ist. Stellen sie sich dann vor, dass diese türkischen Gesprächspartner aus Ohnmacht dann das Studio verlassen oder lauthals werden; das Bild alleine sagt schon genug darüber aus, wie offenkundig man vorgeht, diese Gesprächspartner zu diskreditieren. Und wenn es mal erfreulicherweise eine interessante Debatte wird, spätestens die Nachberichte verderben einem die Lust, die nächste Talkshow mitzuverfolgen. Dann bleibt man eben bei türkischen Talkshows, wo es zwar heiß zugeht, aber niemand ausgeschlossen, im Nachhinein denunziert wird.

In der deutschen Politik ist Hopfen und Malz bereits verloren. Wer in den Parteien nicht die selbe Meinung vertritt, ist schnell vom Fenster oder kommt in der Karriereleiter nicht weit. Das mussten viele Türken bereits miterleben und verstehen das als Ausschluss aus der Gesellschaft, aus der politischen Teilhabe. Grund sind vor allem die Experten, Kritiker und "Haustürken", die damit eine Existenz aufgebaut haben: die Integrationsindustrie. Diese Industrie verhindert sogar die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, weil sie nichts verbindendes, sondern Gesellschaftsschichten weiter voneinander trennt. 

Warum wird also nie offen geredet oder spricht nur noch über die Türken untereinander? Nicht ein einziges Mal hat sich Deutschland offen einer Diskussion zu diesem Thema gestellt. Es gibt keine staatlich-öffentlichen Gremien, kein Rat, keine Konferenz, in der ein Türke sitzt, der gegenteilige Ansichten vertritt. Meist sind es Kritiker aus dem selben Umfeld, die aus persönlichen oder politischen Gründen eine gewisse Türkei- oder Türken-Phobie etablieren. Es werden zwar Probleme genannt, es wird gejammert, es wird beschuldigt, doch im Endergebnis schmort man im eigenen Bratensaft. Man erörtert die Probleme nicht mit den vermeintlichen "Verursachern", sondern mit sich selbst. Wie effektiv so etwas sein kann, erkennt man dann im hysterischen Aktionismus der Politik.

Die wird inzwischen immer aggressiver angewendet: in Berliner Schulen darf das türkische konsularische Muttersprachunterricht nicht mehr fortgesetzt werden, nach über 40 Jahren. Wieso? Weil man angeblich nationalistisch bis religiöse Tendenzen festgestellt hat. Woran misst man das eigentlich? An den US-amerikanischen Schulen, russischen, italienischen, portugisisischen Muttersprachunterricht oder am eigenen Befinden? Wer sollte eigentlich die Deutungshoheit darüber haben, eigene bzw. fremde Staatsbürger zu unterrichten? Würde es der Türkei ebenso gut stehen, wenn sie genauso wie der Berliner Senat oder andere Bundesländer die deutschen Schüler an deutschen Schulen oder Gymnasien nun selbst mit eigenen Lehrern versorgt und das Unterrichtsmaterial vorgibt? Wie gut käme das wohl bei den deutschen Staatsbürgern in der Türkei an?

Viele Türken haben festgestellt: was immer sie tun, wie sehr sie sich auch anstrengen - am Ende sind sie maximal die "Quotenausländer", nicht mehr und nicht weniger. Inzwischen nimmt man sogar die Jugend in Regres und verhindert eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, weil man als einzelner, als Gruppe oder als Vereinigung angeblich nicht die gleichen Ziel verfolgt, siehe die jüngste Entscheidung des hessischen Jugendrings, die die Jugendlichen der DITIB nicht in ihren Reihen sehen wollen. Das ist zwar frustrierend für Alt und Jung, aber nicht für die Türken, sondern für die Deutschen selbst und das seit Jahren hausgemacht.

In Deutschland wird von den Medien und vielen Politikern die Türkei in die Ecke gestellt und beurteilt. Es gibt sicher genügend ernsthafte Kritikpunkte, aber die Art, immer oberlehrerhaft Andern sagen zu wollen was zu tun sei, kommt nicht überall gut an. Das betrifft übrigens nicht nur die Türken, sondern ebenso Russen, Polen, Ungarn, sogar Österreicher. Das ist völlig menschlich, dass die Leute dann besonders loyal zu ihrem Land stehen, ob richtig oder nicht. Vielleicht sollten sich deutsche Medien mal um die Dinge kümmern, die in Deutschland schlecht laufen und auch mal die eigene Regierung kritischer beäugen - da wäre an sich schon genügend zu tun, schließlich Leben wir hier und gemeinsam.

Stattdessen hören die Türken inzwischen schon von manchen Türken selbst, die sich angeblich integriert haben sollen, ob man im richtigen Land lebe und was man hier noch zu suchen habe, wenn man die türkische Regierung oder die Türkei verteidige oder die Kritik an sich abperlen lasse. Solche Bemerkungen von "Haustürken" haben nur das Ziel, sich selbst als etwas Besseres darzustellen und diejenigen, die man gemeint hat, ins schlechtere Licht zu rücken. Man gibt also vor, in Deutschland angekommen zu sein und andere eben nicht. Wie diese "Haustürken" auf die Idee kommen, ohne den einzelnen näher kennenzulernen, erschließt sich keinem Türken, der solche Phrasen kritisch betrachtet. Es führt nur noch mehr dazu, dass man diesen Menschenschlag insbesondere argwöhnisch gegenüber steht.

Wenn dann Deutsche selbst die Offerte nahelegen, sich doch in die Heimat zu verdrücken, fragt man sich unweigerlich, ob diese Menschen selbst, die vielleicht auch noch meist aus dem Osten stammen, nach Ostdeutschland abwandern. Vor allem, manche Deutsche leben nicht mehr in ihrer Heimat, sind gezwungen, ihr Einkommen in einem anderen Bundesland zu bestreiten. Keinem "Haustürken" würde daher einfallen, diese in ihre "Heimat" zu überreden, weil sie Arbeitsplätze wegnehmen oder eine andere politische Meinung vertreten.

Bis vor einem Jahrzehnt war die Türkei in den hiesigen Medien oder Politik nur eine Randnotiz wert. Gegenwärtig könnte man glatt meinen, die Zukunft Deutschlands hänge an der Türkei ab, die nur abgewendet werden kann, wenn sie in den Abgrund stürzt. Menschen wie die Türken sehen aber, was in Deutschland nicht rund läuft. Wenn sie dann massive Kritik gegenüber ihrer Heimat mitbekommen, verstehen sie dies als Heuchlerei. Nicht weil sie vermeintlich Loyal gegenüber ihrem Land sind, sondern weil man nicht versteht, weshalb Deutschland sich nicht um ihre eigenen Probleme kümmert, die selbst erhebliche Probleme hat, die man angehen könnte. Die Belehrungsversuche aus Deutschland gegenüber der Türkei wirken dann eben oberlehrerhaft und in der Konsequenz völlig absurd.

Schließlich wird Deutschland nicht an der Türkei genesen und spätestens, wenn es im speziellen in Deutschland kracht, können die Türken in die Türkei zurück, aber Deutsche? Wohin können die hin? Nicht umsonst gibt es das deutsche Sprichwort: "Schuster, bleib bei deinen Leisten." Kein "Türkei-Experte", kein "Türken-Experte" und auch kein "Islam-Experte" wird daran etwas ändern können. Spricht nicht über die Türken, sondern mit ihnen. Wenn ihr Probleme habt, dann spricht und erörtert es gemeinsam, auf gleicher Augenhöhe. Eine Studie ersetzt kein Gespräch, Aktionismus der Politik bringt uns nicht weiter. Das über die Türkenköpfe Hinwegentscheiden, hat nur noch alles komplizierter gemacht, führt zu noch mehr Spannungen. Niemand wird daraus einen Mehrwert erzielen, im Gegenteil, man schottet sich gegenseitig noch mehr ein und führt Phantomdebatten.

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