Erdogan spricht in Denizli - Deutsche Medien münzen es auf Münster um

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Erdogan spricht in Denizli - Deutsche Medien münzen es auf Münster um

07. April 2018 - 22:53
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Hat der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan den tödlichen Vorfall in Münster für einen verbalen Angriff auf den französischen Amtskollegen Emmanuel Macron genutzt?

Abdullah Bozkurt über Erdogan´s Rede und Münster

Münster / TP - Hat der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan den tödlichen Vorfall in Münster für einen verbalen Angriff auf den französischen Amtskollegen Emmanuel Macron genutzt? "Da, Ihr seht doch, was die Terroristen in Deutschland machen, oder? In Frankreich wird es auch passieren", sagte Erdogan am Samstag in der westtürkischen Stadt Denizli. "So lange ihr diese Terroristen ernährt, werdet ihr untergehen." fügte Erdogan in seiner Rede hinzu.

In den deutschen Medien wird der Vorfall in Münster, bei dem ein Deutscher Samstagnachmittag mit einem Kleintransporter in eine Menschenmenge raste, in Zusammenhang mit der Rede Erdogan´s gebracht. Neben SPIEGEL, WELT, FOCUS, Euro News oder DER WESTEN haben auch Huffington Post sowie die Merkur über die Rede Erdogan´s berichtet und dabei den Vorfall von Münster erwähnt. 

Angeblich soll sich Erdogan bei seiner Rede über den Terrorismus der PKK bzw. YPG sowie Frankreich auf den Vorfall in Münster bezogen haben. Erdogan habe damit "möglicherweise", "offenbar" oder "scheinbar" verdeutlichen wollen, dass die Europäer nun die Quittung dafür erhalten würden, Terrororganisationen im Land zu dulden oder gar öffentlich ihre Führer zu empfangen, so die deutsche Presselandschaft. Der Vorfall in Münster wird daher indirekt als ein Ergebnis dieser Politik widergegeben, so das Resümee der deutschen Medien über die Rede Erdogan´s in Denizli. "Frankreich, Du leistest dem Terrorismus Beihilfe, unterstützt ihn und empfängst dann Terroristen im Elysée-Palast." sagte Erdogan während der Rede in Denizli und fügte danach hinzu, "Da, Ihr seht doch, was die Terroristen in Deutschland machen, oder? In Frankreich wird es auch passieren." Diese Äusserungen sollen nach der Amokfahrt in Münster erfolgt sein.

Dem ist aber nicht so. Fakt ist: um 15:27 Uhr Ortszeit fährt der Mann in Münster in die Menschenmenge. Da ist die Rede Erdogan´s in Denizli bereits im vollen Gange. Um 16:00 Uhr türkischer Zeit, also um 15:00 Uhr deutscher Zeit, begann Erdogan ausserhalb der Hasan Güngör-Sporthalle mit seiner ersten Ansprache im Freien an die Einwohner von Denizli, um nach rund 45 Minuten in die Sporthalle überzuwechseln und dort die Delegierten der amtierenden Regierungspartei AKP zu treffen und an sie eine Rede zu richten.

Die von den deutschen Medien besagte Stelle, in der sich Erdogan angeblich auf Münster bezogen haben will, wurde jedoch ausserhalb der Sporthalle geäussert, also zu Beginn der ersten Rede zwischen 16:00 und 16:45 Uhr Ortszeit (Denizli). In Münster ereignete sich der Vorfall nach türkischer Zeit um 16:27 Uhr. Zu dieser Zeit gab es noch keine Meldung in den deutschen Medien. Erdogan konnte zu dieser Zeit als er den Satz "Da, Ihr seht doch, was die Terroristen in Deutschland machen, oder?" sagte, von der Amokfahrt nichts Wissen, wie er es auch nicht erahnen konnte, dass es sich um ein Terrorakt handeln könnte. Erstmals berichteten türkische Medien über den Vorfall in Münster um 16:54 Uhr türkischer Zeit (+1 Stunde Münster), da war die Rede vor der Sporthalle bereits fast zu Ende. Wir erinnern uns noch einmal:

Um 16:27 Uhr deutscher Zeit berichtet die Rheinische Post über den Vorfall in Münster und erwähnt erstmals Todesopfer.
Um 16:38 Uhr deutscher Zeit teilt die DPA erstmals mit, dass ein Auto in eine Menschengruppe gefahren ist.
Um 16:44 Uhr deutscher Zeit meldet die Polizei in Münster erstmals offiziell über Tote und Verletzte über den Kurznachrichtendienst Twitter. Noch ist nicht bekannt, ob es sich um einen Unfall oder Anschlag handelt.
Etwa um 15:00 Uhr deutscher Zeit beginnt die Rede Erdogan´s vor der Sporthalle in Denizli.
Anadolu berichtet um 17:54 Uhr deutscher Zeit als erstes türkisches Medium über ein Fahrzeug die in eine Menschenmenge gerast sei. Es wären Tote und Verletzte gemeldet worden. Danach übernehmen weitere türkische Medien den Bericht der Nachrichtenagentur Anadolu.

Erdogan sprach demnach entgegen der deutschen Medien nicht von Münster - zu dieser Zeit konnte Erdogan keine Informationen über den Vorfall in Münster erfahren haben - , sondern von den Übergriffen und Brandanschlägen der PKK- und YPG-nahen Organisationen in Deutschland, die gegen türkische Einrichtungen wie Moscheen bislang verübt wurden. Wie ernsthaft die türkische Regierung die Vorfälle in Deutschland in Zusammenhang mit der PKK oder YPG betrachtet, konnte man an der bisherigen türkischen Berichterstattung erahnen. Von "Terrorismus" gegenüber türkischen Einwanderern und Türken in Europa oder der Untätigkeit der deutschen Regierung war und ist immer noch die Rede. 

Laut einer Antwort der Bundesregierung auf eine schriftliche Anfrage im Bundestag (Drucksache 19/1377) wurden seit dem 1. Januar 2018 bis zum 15. März 2018 insgesamt 25 Gewaltdelikte in Zusammenhang mit politisch motivierten Gewalttaten der Terrororganisation PKK bzw. YPG polizeilich registriert. Die Dunkelziffer dürfte jedoch weit höher liegen, da nicht alle Gewalttaten von Betroffenen gemeldet werden.

Die Medienberichte haben mittlerweile viral auch die sozialen Netzwerke erreicht. Zahlreiche Politiker beziehen sich auf die Rede Erdogan´s sowie Münster und werfen Erdogan u.a. vor, kein Mitgefühl zu haben. Serap Güler, Integrationssekretärin in NRW erklärt, mit der "widerliche politische Hetze" werde die Tat instrumentallisiert, auch von Erdogan. Inzwischen hat WEMEZE, eine Online-Plattform für Originalzitate von Politikern, sich von der deutschen Berichterstattung distanziert. Begründet wird es mit einer möglicherweise falschen Berichterstattung oder Übersetzung. Ein User im Kurznachrichtendienst Twitter schreibt, dass die Titel der deutschen Berichterstattung geändert werden müssten: "Erdoğan kann in die Zukunft schauen."

Die Rede Erdogan´s im Kontext betrachtet:

Die Franzosen haben die Unterschlüpfe, Bunker und Unterirdische Spitäler für die Terroristen gebaut. Die Franzosen haben eine bekannte Firma "Lafarge", Lieferant von Beton. Von dort haben sie den Beton genommen usw. und die unterirdischen Tunnelanlagen gebaut, für die. Und dann kommt Frankreich und möchte uns belehren. Frankreich du unterstützt den Terror und lädst die Terroristen zu dir in den Élysée-Palast ein. Für diese Aktionen könnt ihr euch niemals gerechtfertigen. Anschließend könnt ihr euch von diesem Terroristen-Problem nicht mehr loslösen und euch befreien können. Schaut her... in Deutschland was die Terroristen angerichtet haben, habt ihr alle gesehen, oder? In Frankreich wird es auch soweit kommen. Der Westen.. solange sie diese Terroristen unterstützen werden sie dadurch untergehen. Bei uns werden wir auf keinen Fall das jemals zulassen.

UPDATE: Da sich faktenfinder.tagesschau der Meldung der Turkishpress angenommen hat, hier eine Richtigstellung.

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