Demokratie ohne Arbeiter

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Demokratie ohne Arbeiter

08. Juli 2018 - 23:16
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Pressearbeit für eine neue, migrantische Wahlliste, noch dazu in Tirol, ist eine besondere Herausforderung.

Demokratie ohne Arbeiter

Kommentar - Ich habe mir gestern die Debatte im Parlament zum 12-Stunden-Tag angesehen. Sie verlief im Grunde in gewohnten Bahnen. Dann kam ein FPÖ-Hinterbänkler – mit dem Charme eines Zollbeamten am Schwechater Flughafen – und fing an zu sprechen.

Im Brotberuf ist er eigentlich Arbeitgeber, was mich aufhorchen ließ, spätestens als er ständig von „seinen“ Angestellten sprach und wie sehr auch sie ja den 12-Stunden-Tag wollen würden. Ein Arbeitgeber tritt also für Arbeitgeber-Interessen ein. Wie viele Unternehmer sitzen – getarnt als Volksvertreter – im Nationalrat,  hab ich mir leise gedacht.

Dieses Problem(bewusstsein) begleitet mich schon einige Jahre, doch spätestens seit jenen Gemeinderatswahlen in Tirol, als mein Vater sich entschlossen hatte, mit einer Migrantenwahlliste in Kufstein anzutreten. Ich war damals noch Student und hatte natürlich meinen Vater zu unterstützen. Also habe ich etwa die Pressearbeit gemacht,Flyer bestellt, Vereine besucht, Menschen überzeugt und auf Social Media, die blauen,schwarzen, aber auch roten Partei-Apostel abgewehrt. Ermüdend, doch lehrreich und vor allem hat es mein Interesse an politischer Kommunikation nachhaltig entfacht. Aber dazu ein anderes Mal mehr.

Pressearbeit für eine neue, migrantische Wahlliste, noch dazu in Tirol, ist eine besondere Herausforderung. Eine kleine Anekdote: Die etablierten Parteien regen sich über unsere Liste auf, weil sie angeblich schlecht für die Integration wäre. Ich darf das erst in der Zeitung lesen. Bei uns nachgefragt, hatte ja keiner dieser wackeren Journalisten. Also maile ich den Verantwortlichen an und sage ihm, dass die kritisierte Partei ein Anrecht auf Entgegnung hätte. Der Journalist ruft mich direkt zurück, entschuldigt sich, er habe ja gar nicht daran gedacht und lauscht meiner Entgegnung. Als ich fertig bin, ist seine erste Frage: Warum können sie die Sprache so gut? Und auch wenn ein finsterer Teil in mir damals antworten wollte: Von deiner Mutter, blieb ich besonnen und verwies auf das Glück, Eltern zu haben, denen meine Bildung über alles gegangen war. Der Journalist bedankte sich, doch unsere Entgegnung erschien dennoch nicht. Das Ringen mit den lokalen Medien war bitter, doch lehrreich.

Einer dieser Journalisten hatte für die bevorstehende Bürgermeisterwahl alle Spitzenkandidaten um ein kurzes Video-Statement ersucht. Die etablierten Parteien und deren wohl situierte Kandidaten hatten sich gut vorbereitet oder eben gut vorbereiten dürfen. Einer von ihnen sprach sogar von einer Bergspitze aus. Heimat-Feeling war schon immer ein Verkaufsschlager. Auf meinen Vater hatte der Journalist vergessen und ihn kurzfristig, also unter der Arbeitswoche, aus der Fabrik geholt. Da stand er nun, in voller Arbeitsmontur, mit rußverschmierten Händen, doch ohne ordentliche Vorbereitung. Er tat sein Bestes, hatte nur einen Versuch, denn seine Mittagspause erlaubte nicht mehr.

Unabhängig davon, wie es weiterging, weiß ich noch, welch wilder Stolz in meinem Herzen aufloderte, der Sohn eines Mannes zu sein, der mit rußverschmierten Händen einem Journalisten erklärt hatte, warum es wichtig war, dass ein (migrantischer) Hackler an der Politik teilnimmt. Der Stolz ist geblieben, aber auch das Problem, dass fast nur wohl situierte, studierte Menschen in Österreich von den Gemeinderäten bis hin zum Nationalrat die Sessel der Politik besetzen – fernab der Lebensrealität hunderttausender von Menschen.

 

Ruşen Timur Aksak

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