DITIB - Das türkische Meisterstück weckt Begehrlichkeiten

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DITIB - Das türkische Meisterstück weckt Begehrlichkeiten

09. Januar 2019 - 09:19
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Mit Zuckerbrot und Peitsche versuchen Bundesregierung und die Landesregierungen die türkisch-islamischen Gemeinden und Landesverbände der DITIB von der Verbandsspitze in Köln abzukapseln. Obwohl diese laut Kritiker und Politik angeblich eine Minderheit der türkisch-muslimischen Community anspricht, ist es bemerkenswert wie sehr man sich ausgerechnet auf die zwei größten Ansammlungen von Moscheegemeinden eingeschossen hat. 

DITIB - Das türkische Meisterstück weckt Begehrlichkeiten

Kommentar - Angeblich vertreten die zwei bis drei größten Basisstrukturen an türkisch-muslimischen Gemeinden - die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (DITIB), die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG) und die Avrupa Türk-İslam Birliği (ATIB) - nicht die Mehrheit, so Kritiker und die Politik in Deutschland. Umso bemerkenswerter ist ihr gesellschaftlicher Bekanntheitsgrad aufgrund der ständigen kritischen, bisweilen harschen Berichterstattung in hiesigen Medien. Woran liegt das?

Offenbar doch an einer vorhandenen und stabilen Basisstruktur der drei größten Ansammlungen türkisch-muslimischer Gemeinden in Deutschland, denn wie sonst kann man sich das große Interesse an ihren Verbänden oder an ihren Gemeinden selbst erklären! Dabei geht es weniger um die Mitgliederstärke, die diese Verbände vereinen, sondern um gesunde und stabile Gemeindestrukturen, das hohe Besucheraufkommen an islamischen Feiertagen wie auch Freitagen und deren Ausstrahlungskraft auf die türkische Community, die Begehrlichkeiten wecken. Kein Wunder, dass die Politik nunmehr mit Zuckerbrot und Peitsche diese Strukturen aufzulösen versucht und dabei schon Helfer im Visier hat, die dafür belohnt und besoldet werden sollen. 

Bereits vor der Ausrichtung der 4. Islamkonferenz hatte die Bundesregierung aus dem Bundeshaushalt Mittel in Aussicht gestellt, mit der Engagement belohnt werden soll, die sich ausserhalb dieser bereits etablierten Verbände betätigen. Es ist daher auch nicht wirklich überraschend, dass ausgerechnet eine geradezu frisch gegründete Vereinigung namens "Alhambra-Gesellschaft" an der Neukonzeption der Deutschen Islamkonferenz mitwirkte, deren vereinzelnte Mitglieder bzw. Funktionäre zuvor unter großem Tamtam unter anderem der DITIB den Rücken kehrten. Handelt es sich hierbei wieder um eine politische Todgeburt, wie man es des Öfteren erlebt hat?

Überraschend war es auch nicht, als in Niedersachsen innerhalb des Landesverbandes der DITIB ein Funktionär nach dem anderen seinen Posten abgab und dabei lautstark für Aufmerksamkeit sorgte. Man sollte sich eingestehen, dass es ein Schlag von Menschen gibt, die auch ein Interesse an ihrem persönlichen Werdegang haben, also lukrative und lohnende Betätigung eher bevorzugen, als eine eher langweilige und kaum honorierte Verbandsarbeit. Da bietet es sich geradezu an, sich anderweitig umzuschauen, und wenn man dann schon Kontakte in der Politik pflegt, ist es auch nicht verkehrt, sich selbst geradezu anzubiedern.

Offenbar waren die Ex-Funktionäre von den Offerten der Landesregierung also derart angetan, dass sie sich entsprechend lautstark zu Wort meldeten und dies auch öffentlich zur Schau stellten, um das erste Mal auch wirklich wahrgenommen zu werden. Jene Funktionäre also, die es bislang tunlichst vermieden hatten, das gesellschaftliche Engagement dieser Gemeinden und Verbände öffentlichkeitswirksam breitzutreten und so zumindest offenzulegen, wie man die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben realisiert, haben unter Zuhilfenahme der Presse ihren Rücktritt erklärt und gleichzeitig feststellen lassen, was man danach beabsichtige. Und was war danach prompt zu hören, wie ein Widerhall? Wie die Landespolitik die Verdienste dieser Ex-Funktionäre besonders hevorhob und dabei zugleich in Aussicht stellte, sie bei ihrem weiteren Werdegang zu unterstützen! Ernsthaft, mehrere Jahrzehnte hatte man genau diese Funktionäre und diese Verbände an der kurzen Leine gehalten, und jetzt bekommen diese Freilauf? Die gezielte Einmischung der Politik in Glaubensgrundsätze und Arbeit der Gemeinden oder Verbände zieht sich wie ein roter Faden hindurch - daran gibt es keine Zweifel mehr.

Indizien sprechen auch dafür, dass der zwischenzeitlich aus dem Amt geschiedene Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen sein Amt missbraucht hat, um DITIB gezielt zu diskreditieren, dass die Figuren Cem Özdemir, Ali Ertan Toprak und Volker Beck als Lobbyisten kurdisch-nationalistischer Strömungen oder der israelischen Regierung die Gelegenheit beim Schopfe gepackt haben und DITIB bei jeder Gelegenheit in das Schlagzeilengewitter zerren. Das hat herzlich wenig, eigentlich rein gar nichts, mit dem Religionsverständnis der DITIB oder der Menschen zu tun, die da ein- und ausgehen, dafür umso mehr mit einem propagandistischen Stellvertreterkrieg gegen Ankara im Kontext der politischen und kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten. 

Deshalb bezieht sich Cem Özdemir nicht auf irgendwelche Konfliktebenen innerhalb der Gesellschaft, sondern grundsätzlich an die Anpassung der Glaubenslehre an das Grundgesetz oder die angebliche Durchdringung der Gemeinden durch den türkischen Staat. Die Tragweite und der totalitäre Charakter in den Worten von Özdemir zu seinen sogenannten islamkritischen Debatten sind in diesem Lichte zu betrachten. Das tragisch-komische dabei ist, dass Özdemir oder Beck nicht merken, dass sie sich mit solchen Sätzen selber jenseits des Grundgesetzes positionieren oder eine antidemokratische Grundhaltung offenbaren.

Ein jüngstes Treffen europäischer Islam-Gelehrter und Wortführer in der DITIB-Zentralmoschee in Köln sorgt deshalb wieder Mal für Aufmerksamkeit, weil es angeblich im geheimen stattfand und Vertreter der Medien nicht eingeladen wurden. Es ist doch bemerkenswert, wie sehr man nunmehr ein besonderes Interesse daran hat, den Diskurs innerhalb der Muslime in Deutschland zu begleiten und dabei ein Mitspracherecht zu beanspruchen, während man selber diesen Diskurs ständig torpediert oder gar nicht erst ermöglichen will - so unter anderem Volker Beck, der dieses Treffen vor Tagen in sozialen Netzwerken breittrat und dabei die Medien und Sicherheitsbehörden hinzuzog. Beck kann und darf das, seine Meinung breittreten und ethische wie moralische Vorstellungen vorhalten, aber das würde bedeuten, dass die türkisch-islamischen Verbände nach Meinung von Beck gegen seine ureigenen Interessen arbeiten oder dieser meint, dass sie es tun. Dabei verkennt Beck die Lage derart, dass man Zweifel daran hegen kann, ob Beck überhaupt fundierte Kenntnisse über die DITIB oder IGMG hat. Diese beiden Verbände haben soviel Einfluss auf die deutsche Politik, wie der Karnevalsverein in Hintertupfingen. Wovor hat also Beck wirklich Angst? Etwa, dass diese Verbände eine Gemeinschaft vereinen, die unverblümt und ständig propagiert, welch leidige Politik die israelische Regierung gegenüber den Palästinensern betreibt?

Selbstredend steht es einer Religionsgemeinschaft oder Verband eben auch frei, eine eigene Moral oder Ethik zu propagieren, die von dem abweicht, was Beck als Bürger und Özdemir als Politiker verlangen oder der Staat als bekenntnis- und weltanschauungsneutrale Instanz zu gewähren und zu schützen hat. Selbstredend kann die katholische Kirche, das Judentum oder eben auch der Islam z.B. Homosexualität als Sünde definieren und eine diesbezügliche Lehre pflegen - das müssen diese aushalten, wie Muslime es aushalten müssen, dass diese Herren der Politik ständig in seichten Gewässern fischen, um ihre Arbeit bzw. Wertevorstellung zu diskreditieren. Das geht den Staat schlicht nichts an und die Herrschaften können nur ihre Meinung teilen oder aber bei unsachlichen und unwahren Behauptungen eben zur Rechenschaft gezogen werden, wie es Beck derzeit an der Backe hat. Der Staat ist auch erst dann gefordert, wenn Menschen widerrechtlich dazu genötigt werden, sich einer solchen oder anderen Lehre zu unterwerfen.

Tatsache ist, dass so gut wie nichts von dem, was man der DITIB bislang vorwirft, haltbar ist. Die angeblichen Spionagevorwürfe gegen Imame aus Ankara, die in DITIB-Gemeinden arbeiteten, haben sich als heiße Luft entpuppt; der von Maaßen betriebene Versuch, die DITIB als Beobachtungsobjekt des Verfassungsschutzes auszuweisen, scheiterte am vehementen Widerstand der Landesämter, deren Chefs zuletzt sichtlich genervt waren vom persönlichen islamophoben Kleinkrieg des Maaßen; und die ständigen Versuche von Politikern, die DITIB in einen normativen Korsett zu stecken, sprechen an und für sich für die eigene antidemokratische Haltung.

Selbst wenn es laut Özdemir oder Beck dort partiell zu fragwürdigen Geschehnissen kommt - was bei einer so großen und weit gefächerten Organisation mit Verbindungen zum türkischen Staat angesichts der Verwerfungen in Deutschland und in der Türkei nicht wirklich verwundern kann - reden wir immer noch von einer Organisation, die sich über die Jahrzehnte hin große Verdienste für das deutsch-türkische Zusammenleben und den Integrationsprozess erworben hat und auch nach wie vor und Tag für Tag erwirbt. Nur geht sie mit dieser täglichen Knochenarbeit nicht hausieren oder hat sich bislang politisch betätigt; stattdessen muss sie die übelsten Diffamierungen und Anfeindungen aus sämtlichen gesellschaftlichen Lagern über sich ergehen lassen, von ganz rechts, über die bürgerliche Mitte, bis hin zum linken Spektrum der Gesellschaft, ja sogar aus den eigenen Reihen, die sich etwas damit erhoffen.

Die losgetretene Debatte um die drei größten türkisch-islamischen Verbände zeigt die ganze Dimension der Rhetorik. Schleichend haben sich auch die Koordinaten der politischen Kampfrhetorik verschoben. Noch bis vor kurzem war die mehr oder minder konsensuale Sprachregelung, dass der Islamismus zu bekämpfen sei. Jetzt wird in der neuen Sprachregelung konsequent vom "politischen Islam" statt von Islamismus gesprochen und es werden dabei vor allem diese Verbände beim Namen genannt und als Feindbild etabliert. Es ist eine vollkommen neue Qualität und Dimension, die da auf die türkisch-muslimische Community einwirkt, deren Ausmaße offenbaren, wie begehrt die DITIB oder IGMG trotz ihrer angeblich kleinen Anhängerschar doch ist. 

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