Merkel-Davutoglu Pressekonferenz: Deniz Yücel auf der Überholspur

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Merkel-Davutoglu Pressekonferenz: Deniz Yücel auf der Überholspur

09. März 2016 - 17:29
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Wer gab eigentlich eine Pressekonferenz, wer korrigierte wen und vor allem, was gab es als Antworten darauf? Diese und andere Fragen schwirren mir seit der Pressekonferenz zwischen Bundeskanzlerin Merkel und dem türkischen Ministerpräsidenten Davutoglu in Cankaya/Türkei am 8. Februar.

Leserbrief / TP - Vorab, was da gegen den WELT-Journalisten Deniz Yücel nach der Pressekonferenz in Ankara medial aufgefahren wird, ist nicht normal, zumindest nicht für deutsche Verhältnisse, meint man... Für türkische Empfindungen ist es eher das Gegenteil. Man mag es halt deftig und wenn es die Emotionen zum Kochen bringt, sind die Medien doch am glücklichsten, vor allem die WELT. 

Was Deniz Yücel nach dem 8. Februar über die türkischen Medien erfuhr - er sei ein verkappter PKK-Versteher, gar ein Stiefelputzer von Cemil Bayik, dem Oberguru der PKK-Rockträger schlechthin oder ein Gezi-Protestanstifter, dass alles ist normal. 

Kennen wir doch woher, diese Medien die irgend etwas in den Raum werfen und dann beobachten, was denn so alles passiert. Eine Art Arbeitsbeschaffungsmaßnahme? Man nehme doch mal die Ziegen-Karikatur des FOCUS-Magazin (07/2015) oder die zahlreichen Islam-Bashing Titelbilder anderer Medien. Jedenfalls haben sie ja danach viel zu berichten gehabt - über Brandstiftungen, Übergriffe, Busse die gestoppt werden. Sie alle haben genau das selbe Potential, die gegenwärtig türkische Medien gegenüber Deniz Yücel spüren lassen. Eben normal...

Genauso normal wie nach 2007, als türkische Medien Hand in Hand gegen den Laizismus, Kemalismus und Nationalismus zogen, vorneweg "Zaman", "Star" und andere. Manche sprangen von Brücken, andere erschossen sich und dritte wurden sterbenskrank. Je mehr diese Menschen hinter Gittern nach Gerechtigkeit und Freiheit riefen, desto entzückter waren die deutschen Medien über die Gründlichkeit der AKP-Gülen Kooperationsarbeit.

Da war Deniz gerade dabei, bei der Berliner Tageszeitung taz zu lernen wie man Stifte zuspitzt. Hätte er doch noch einige Jahre draufgepackt, es wäre für seine Karriere dienlicher gewesen. Zumindest da wo er es am nötigsten gehabt hätte - während der Pressekonferenz im Cankaya, wo Merkel und Davutoglu am 8. Februar Rede und Antwort standen. Auch Deniz Yücel durfte mit einer Pressekarte Platz nehmen und als letzter eine Frage stellen. Frage ist wohl untertrieben. Es war viel mehr ein politischer Statement, was Politologe und Ministerpräsident Davutoglu richtig feststellte und dann ausholte. 

Deniz Yücel wurde belehrt über Staat, Demokratie, Waffenrecht, Presserecht, Terror, Paris, Deutschland und über den Rankingstand der Türkei in Sachen Pressefreiheit. Ich habe mich mal schlau gemacht. Es sind laut Vereinten Nationen 195 Staaten, die von allen Mitglieder anerkannt sind. Auch der Vatikan-Staat und Palästina sind dabei. Und wieso wurde er belehrt? Deniz Yücel führte während seines politischen Statements am Ende an, die Türkei liege im Pressefreiheitsindex auf Platz 195. Also 6, sitzen geblieben.

195 von 195 Staaten? Laut Reporter ohne Grenzen lag die Türkei im Jahre 2015 auf der Liste auf Platz 149 von insgesamt 180 indizierten Plätzen. Eine andere Liste mit Ranking gibt es nicht, nur noch eine Gesamtbeurteilung, die sich auf einer Skala zwischen 0 bis 100 bewegt. Also die Türkei liegt laut ROG bei 149. Irgendwo zwischen Burundi und Russland. Im Vergleich dazu: Deutschland lag mit Platz 12 zwischen Jamaika und Costa Rica. Da fühlt sich Deutschland mit Deniz Yücel wohl. Selbstverständlich führt Deutschland, Burundi, Jamaika, Costa Rica oder Russland auch keinen bewaffneten Konflikt im Land, die Türkei jedoch schon und dies seit Jahrzehnten mit einigen Unterbrechungen. Darüber wurde Deniz Yücel auch vom Ministerpräsidenten belehrt und ich finde auch ziemlich gut, während man Davutoglu zugutehalten muss, dass er nicht gerade ein beseelter Redner ist. Man sah ihm an, dass die Worte nicht hinterherkommen, die er über die Lippen bringen wollte. 

Aber er schaffte es, klar und verständlich mit Beispielen aufzuzeigen, dass Terror zur Sicherheit der Menschen im Land, bekämpft werden muss. Die Sicherheit des Volkes einen höheren Stellenwert hat als irgendwelche Rockträger, die bei Nacht und Nebel Linienbusse abfackeln, in Städte Konflikte tragen oder meinen ein Stadtviertel vom anderen zu trennen. Ja gehts noch? Während dem Zeitraum, in der die PKK und mit ihr eine Bande von Rotznasen, versuchten Viertel auseinander zu dividieren, hat der Staat bereits eine dritte Verbindung über die Meerenge nach Europa gebaut. Kein Wunder das Davutoglu auf seine Türkei Stolz sein kann, inmitten eines Konflikts eine Brücke, zahlreiche Autobahnen, den größten Flughafen oder den großen Staudamm zu planen, zu bauen und fertig zu stellen.

Während die kommunitischen Falken, Fronten, Volksgemeinschaften und Arbeiterparteien sich darin zum besten gaben und noch immer unablässig versuchen, Mensch und Material nach Amed einzuschleusen, drückte unser damaliger Premier alle Augen zu, in der Hoffnung sie würden keine faxen veranstalten, und das über die Befindlichkeiten eines großen Teils der Bevölkerung hinweg. Die wussten schon worauf das ganze hinausläuft und was das Ergebnis sein wird. Das Ergebnis? Jetzt hat Erdogan und das türkische Volk schon lange, die faxen dicke und Großreinemachen ist angesagt. 

Ja sind wir hier im Zirkus, wo jeder tun und lassen kann, was er will? Wehe, und Davutoglu hat entsprechende Fallbeispiele auch mit Deutschland gebracht, der Ahmet in Dortmund zahlt seine Stromrechnung nicht... was meint Deniz Yücel, wie schnell man dem Ahmet den Zähler plombiert und er anfängt sein Solarpanel aus dem Fenster zu halten, damit er mit der Aussenwelt in Kontakt bleibt? In Amed funktioniert das ganz anders. Dabei zeigen uns die Amedianer wie das richtig geht. Sie hängen Klimaanlagen aus dem Fenster heraus, die dann im Winter für wohlige 28°C und im Sommer für kühle 18°C sorgen, und das für nichts, nada, null. Wer einmal durch Amedistan fährt, der kann sich mal ein Bild darüber verschaffen, an wie vielen Fenstern Klimaanlagen hängen. Jeder Vogelkundler würde sich auch beim igsten male verzählen und irgendwann eine 6-stellige Zahl nennen. 

Die Stromrechnung zahlen seit Jahren die im Westen beheimateten Trottel brav und wegen der horrenden Verzugszinsen- und Ablesepreise fritsgerecht, quasi als Solidarzuschlag. Würde man dagegen den Amediananern die Zähler plombieren, würde in der Türkei wohl der Weltkrieg ausbrechen. So verkehrt läuft dass da unten. Und sie werden auch noch von einer Partei getätschelt und darin bestärkt, genau das zu tun, was sie schon lange gewohnt sind. Es ist anscheinend so eine Art Gewohnheitsrecht. Sie meinen, das Volk der Amedianer lebte schon dort, als der Homo Erectus noch laufen lernte. Sie meinen, sie könnten sich das nehmen, was ihnen so in den Sinn kommt. Assyrische Häuser besetzen, Grundstücke in Wildwest-Manier übernehmen oder einfach mal einige andere Völkchen von der Landkarte kuschen, dass ist es, was sie am besten könne, und ja, auch Schmuggeln und dabei den Heldentod sterben, wenn sie dabei an der Grenze erwischt werden und verunfallen.

Aber es geht noch weiter... Während also die türkischen Medien stillschweigend die Stromkosten mitberappen, damit der Trottel im Restland nichts davon mitbekommt, wird bei den kleinsten Wehwehchen des amedianischen Volkes der Staat zur Verantwortung gezogen. Und wehe, diese Wehwehchen sind mit einem Pflaster nicht zu heilen. Dann wird auch noch lautstark nach Vater Staat verlangt, er möge doch bitte durch den Kugelhagel an der Ecke Rojavastraße Richtung Apoallee an die Hausnummer 128 einen Krankenwagen vorfahren und den Patienten, der gerade an einer ständigen Konfliktparade teilgenommen und über den eigenen Rock gestolpert ist, ins nächste Krankenhaus einliefern. 

Zum Glück sind die Sanitäter nicht an den Hippokrates gebunden und auch nicht auf den Kopf gefallen, können mittlerweile "nein, ich muss noch meinen türkischen Tee ausschlürfen" sagen. Find ich toll, dass die dabei auch die Krankenwagen vor Beschädigung bewahren, denn noch gibt es keinen deutschen Hersteller für Ambulanzpanzerwagen mit Kettenantrieb, der Straßengräben, 500kg. Bomben und Kugelhagel auf einmal überwinden kann, den der Staat für teueres Geld erst einmal besorgen muss. Für Deniz Yücel mag es wohl so sein, dass der Kurden-Konflikt, die Pressefreiheit, der Gezi-Protest nicht nach Normen ablaufen, die er erwarten würde, aber in der Türkei läuft nicht vieles nach Normen, erst recht nicht in Amed oder Sirnak. Deutschland muss sich auch nicht mit Dortmund beschäftigen, das seine Stromrechnungen nicht zahlt, und auch nicht mit einem Bürgermeisteramt, dass die Baumaschinen des städtischen Bauhofs für Straßengräben ausleiht, damit die Sympathisanten nicht soviel schuften müssen.

Aber in Amed und anderswo im Osten, da geht es und weil das ja so schnell geht und eine Überraschung sein soll, befördert man mit Baggern und Baufahrzeugen der Stadt Amed gleich die Bomben an Ort und Stelle wo sie hoch gehen sollen, damit auch der für Sicherheit und Ordnung einberufene willige kurdische Türkensoldat mitsamt seinen Türkenkameraden nichts davon mitbekommt, wenn er gleich auf dem luftigen Transitwege eine Abkürzung nach Kurdistan nimmt. Dem Luftschloss, mit der die pronationalistischultrafaschistische kurdische HDP den Frieden herbei dividieren will. 

Es ist legitim sich opportun zu Verhalten. Gerade die Türkei muss, nachdem sie beim Friedensprozess hinters Licht geführt wurde, politische wie militärische Druckmittel geschickt einsetzen. Und da zwangsläufig ein Konflikt schon immer vorhanden war, ist der Rang in der Pressefreiheit genauso eine Farce, wie die Annahme, der Staat müsse zwischen Bewaffneten unterscheiden oder mit ihnen reden, die versuchen, die staatliche Ordnung auszuhebeln, auch wenn die Einen hehre Ziele als die Anderen verfolgen, Herr Deniz. Sei´s drum, Schwanzvergleiche mit Ranking hat die Türkei nicht nötig und daher ist es unwichtig ob die Türkei auf Rank 193 oder wie Davutoglu meinte, auf Platz 195 steht. Hauptsache, jeder hält sich an die Ordnung einer Gesellschaft, die dieser Staat und damit ein Volk festgelegt hat.

Ach und noch etwas: es ist schon erstaunlich, wie schnell das Presseamt der Bundesregierung die Ausführungen aller Redner abtippen kann. Mir ist nur aufgefallen, dass die Zahlenverdreherei eines Deniz Yücel nicht erwähnt wird. Und zum Schluss! Wer sich angesprochen fühlt, der darf gerne beleidigt sein. Alle anderen verstehen es wohl und können damit umgehen, wie ich oder viele seit Jahren damit umgehen müssen.