Die Türkei und die Verteidigungsindustrie

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Die Türkei und die Verteidigungsindustrie

09. November 2018 - 22:11
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Nach den USA und Russland gehört Deutschland neben China und Frankreich zu den größten Waffenexporteuren. Die Türkei will hier ebenfalls in der Liga mitspielen.

Die Türkei und die Verteidigungsindustrie - SOM (Marschflugkörper)

Kommentar - Nach den USA mit etwa 31 Prozent und Russland mit 27 Prozent, gehört Deutschland neben China und Frankreich zu den größten Waffenexporteuren mit jeweils 5 Prozent Weltmarktanteil. Seit Jahrzehnten dominieren diese Länder die Rüstungsindustrie, versorgen Dritte Welt Länder, Entwicklungsländer oder Schwellenländer mit Waffen und Waffensystemen. Die Türkei will sich von der Abhängigkeit lösen und ihre eigenen Waffen und Waffensysteme bauen. 

Nicht ohne Grund: als die Türkei die bodengestützten Kurzstrecken-Flugabwehrraketen-System Patriot ordern wollte, lehnten die USA und die NATO den Verkauf ab. Stattdessen stationierte die NATO 2013 zähneknirschend Patriot-Raketen-Anlagen in türkischen Gaziantep, um im syrischen Bürgerkrieg dem NATO-Partner unter dem Operationsnamen "Operation Active Fence" Beistand zu leisten. Drei Jahre später, Anfang 2016 zogen die NATO-Länder ihre Batterien mit der Begründung ab, dass das Bedrohungsszenario sich verändert hätte. Im Kern aber verhielt sich die Türkei im syrischen Bürgerkrieg nicht entsprechend der Wünsche Deutschlands oder den USA. 

Das Gezeter um die Patriot-Raketen bewog die Türkei anschließend, sich alternativ umzuschauen und sich mit modernen S-400-Flugabwehrsystemen aus Russland einzudecken. Nicht anders verhielt es sich auch beim Bau des türkischen Kampfpanzers "Altay". Die ständige Versorgungsunsicherheit, z.B. in Zusammenhang mit Ersatzteilen für den deutschen Leopard 2-Panzer, war mit ein Grund, weshalb die Türkei sich nach alternativen bemühte. Die politischen Machtdebatten im Bundestag, ob die Türkei mit Ersatzteilen im Wert von einstelligem Millionenbetrag versorgt werden sollte oder nicht, war man sich in Ankara wohl Überdruss geworden.

Die Abhängigkeit von westlichen Rüstungsländern und die damit verbundene Langatmigkeit war es auch, die die Türkei 2005 dazu bewog, vermehrt auf eigene entwickelte Waffen und Waffensysteme zu setzen und hierfür Milliarden locker zu machen. Eine gesunde Basis, auf die die Türkei aufbauen konnte, gab es bereits mit den staatlichen Rüstungsunternehmen Aselsan und Roketsan. Diese beiden Unternehmen konnten bereits hochwertige Hard- und Softwaremodifikationen vornehmen, um die in NATO-Ländern produzierten Geräte auf die türkischen Bedürfnisse umzustellen. 

Inzwischen bauen diese Unternehmen neben militärischen Kommunikationsgeräten, Verteidigungssysteme, Radaranlagen und intelligente Leitsysteme sowie elektrooptische Geräte. Die Produktvielfalt findet bereits in mehreren eigenen und in der Türkei gebauten Kampf- und Aufklärungsdrohnen Anwendung. Die Entwicklung solcher Produkte hat mehrere Milliarden verschlungen, aber schon jetzt macht sich das bemerkbar: Im Kampf gegen die Terrororganisation PKK kann das türkische Militär mehr Erfolge vorweisen. Die Zahl der Terroranschläge auf Militärbasen und illegaler Grenzübertritte ist rasant zurückgegangen. Zudem sind auch die Opferzahlen rückläufig. Die PKK ist gezwungen, ihren bewaffneten Kampf in die anonymisierten Großstädte zu verlagern, mit verheerendem Imageproblem.

In den letzten drei Jahrzehnten hat die Türkei bislang eine zweistellige Milliardensumme für die Entwicklung von Waffen und Waffensystemen ausgegeben. Die türkische Armee ist voll ausgerüstet und einsatzbereit. Mit mehreren militärischen Großoperationen hat sie bewiesen, ihre Grenzen auch außerhalb des Territoriums zu schützen sowie Pufferzonen einzurichten und zu halten. Währenddessen hält der deutsche Verteidigungshaushalt jedes Jahr rund 40 Milliarden Euro bereit, aber nur ein Bruchteil der Waffen und Waffensysteme scheint zu funktionieren oder kann eingesetzt werden. Größere Investitionen, u.a. für die Entwicklung eines neuen Kampfpanzers, kann und will man nicht bewilligen. 

Um im weltweiten Wettbewerb bestehen zu können, reicht es einfach nicht, nur Produkte zu entwickeln und zu produzieren. Ein gesundes Selbstbewusstsein, eine nationale und kulturelle Identität gehören ebenfalls dazu, um mit einem Nukleus an Werten und Selbstverständnis voranzukommen. Deutschland baute sich so in den letzten Jahrzehnten auf und hat ihren Zenit erreicht. Explosionsartige Lohnkosten, Ideenmangel und keine Spur von Experimentierfreudigkeit lähmen die Rüstungsindustrie, und die gesamte von ihrer abhängigen Wirtschaft. Zudem hat sich Deutschland stetig als Nabel der Welt aufgebaut und wirkt, seitdem man in der Außenpolitik mit Phrasen oder Positionserklärungen kommt, inhaltsleer. 

Die relativ junge türkische Bevölkerung hat dagegen Heißhunger auf eigene Entwicklung, mehr Selbstbewusstsein und Ideenreichtum mit einer ordentlichen Portion Risikobereitschaft. Die türkische Rüstungsindustrie scheint der Motor der türkischen Wirtschaft zu werden, was in Deutschland die Automobilindustrie ist. 

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