Türkischer Generalstab legt Operationen offen

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Türkischer Generalstab legt Operationen offen

10. Februar 2018 - 01:03
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Anders als manch ein anderer NATO-Partner, der in Syrien oder im Irak bei der Anti-IS-Koalition Luftschläge fliegt, Luftaufklärung betreibt oder mit kleineren Bodentruppen unterwegs ist, berichtet der türkische Generalstab täglich, wie viele Luftschläge geflogen, wo und wie viele Terroristen "unschädlich" gemacht wurden. Die türkische Armee unterstreicht dabei, dass die zivilen Opfer minimal gehalten werden und vorsichtig agiert wird. Alle westlichen Armeen, die im Irak oder in Syrien operieren, geben das gleich von sich. Die Realität sieht entsprechend nüchtern aus - auch für die kulturellen Stätten im gesamten mesopotamischen Raum.

Airwars Report, Dezember 2016

Ankara / TP - Anders als viele NATO-Partner, die in Syrien oder im Irak bei der Anti-IS-Koalition ihrem Transparenz- bzw. Rechenschaftsbericht nicht nachkommen, um zu verdeutlichen, wo die Luftwaffe Luftangriffe wie oft geflogen hat, Luftaufklärung betrieben wurde oder ob kleinere Bodentruppen eingesetzt wurden, berichtet der türkische Generalstab täglich, wie viele Luftschläge geflogen, wo und wie viele Terroristen "unschädlich" gemacht wurden, welche Truppeneinheiten wo eingesetzt werden.

Der türkische Generalstab in Ankara zeigt sich daher recht großzügig in dem was sie an Informationen freigibt. Am fünften Tag der Operation "Olivenzweig", die sich zunächst auf das Distrikt Afrin im nördlichen Teil des Gouvernements Aleppo beschränkt und das Ziel verfolgt, die Gebiete von der Terrororganisation YPG wie auch die Terrormiliz IS (DAESH) bis an die Schutzzone im Distrikt Idlib zu befreien und die Terrororganisationen zu zerschlagen, fasste der Generalstab den Operationsverlauf anhand der täglichen Berichte erstmals zusammen. Demnach wurden insgesamt 214 Ziele von der Luftwaffe und Bodentruppen angegriffen. 287 Terroristen wurden dabei "unschädlich" gemacht und erstmals kamen auch die Kampfhubschrauber des Typs ATAK zum Einsatz, heißt es in der Pressemitteilung.

Demgegenüber standen 23 Raketen- bzw. Mörserangriffe auf türkisches Territorium, die aus dem Distrikt Afrin abgefeuert wurden. Dabei starben laut dem Generalstab, der auch für die Grenzsicherheit verantwortlich ist, zwei Menschen. Von insgesamt 56 Verletzten waren darunter drei Kinder.

Zwei Wochen nach Beginn der Operation meldete der Generalstab in einer weiteren Zusammenfassung, dass die Terrororganisation YPG insgesamt 94 Raketen bzw. Mörsergranaten auf türkisches Territorium abfeuerte, dabei sieben Zivilisten starben und 113 verletzt wurden. Außerdem meldete der Generalstab, dass während dieser Zeit auch Angriffe seitens der YPG auf das syrische Distrikt A´zaz ausgeführt wurden, bei der 9 Zivilisten verletzt wurden. A´zaz wurde bereits während der Operation "Schutzschild Euphrat" 2016/2017 von der Terrormiliz IS befreit.

Am 3. Februar meldete der türkische Generalstab in einer weiteren wöchentlichen Zusammenfassung, dass im Rahmen der Operation "Olivenzweig" insgesamt 538 Ziele zerstört wurden. Insgesamt seien dabei mindestens 899 PKK-/YPG- bzw. IS-Terroristen getötet worden. 13 türkische Soldaten seien Gefallen, 57 weitere verletzt, so in dem Bericht.

Am Freitag meldete der Generalstab, dass bei der Operation bislang 1062 Terroristen "unschädlich" gemacht wurden. Insgesamt seien seit Beginn der Operation 46 Ortschaften von Terrormilizen befreit worden, darunter das Dorf Bulbul. Fast man die täglichen Berichte über eigene Verluste zusammen, verloren bislang 22 türkische Soldaten ihr Leben, 64 weitere wurden verletzt. Auf Seiten der Freien Syrischen Armee (FSA) sollen nach Angaben des Generalstabs 27 FSA-Kämpfer getötet worden sein, 108 Verletzte würden sich in Behandlung in der Türkei befinden.

Anders bei den Anti-IS-Koalitionsstreitkräften unter US-Führung. Während Australien seit 2017 zweiwöchentlich einen umfassenden Bericht offenlegt und dabei neben Lokation, Datum, Art des Luftschlags auch zivile Opfer für möglich hält sowie relativ zeitnah zugibt, berichtet die britische Royal Airforce wöchentlich über Art und Umfang der Luftschläge, dementiert aber zivile Opfer schon seit 2014. Die US-Airforce gibt gelegentlich und nur bedingt Berichte über Art und Umfang der Luftschläge ab. Zivile Opfer hält sie für wahrscheinlich, gibt diese auch mit entsprechend langer Laufzeit später bekannt, so, dass die Vorwürfe zum Teil stimmen.

Die französische Luftwaffe hält zwar keine Berichte zurück, dafür gibt sie aber die Lokation der Ziele nur gelegentlich an und verweigert jede weitere Auskunft über mögliche zivile Verluste. Entsprechend oft dementiert die französische Armee auch dahingehende Vorwürfe. Sehr bedeckt halten sich jedoch Belgien und die Niederlande, wenn es um ihre Operationen im Rahmen der US-geführten Anti-IS-Koalition geht. Während Belgien gelegentlich Berichte veröffentlicht, in der Art und Umfang der Luftschläge angegeben werden, jedoch nicht angibt, welche Waffensysteme benutzt wurden und gar keine zivilen Verluste benennt oder sich dafür verantwortlich zeigt, nennt die niederländische Luftwaffe lediglich die Anzahl der abgefeuerten Raketen oder Bomben, ohne dabei auf andere Aspekte eingehen zu wollen.

Statistisch betrachtet haben die US-geführten Koalitionspartner (einschließlich der USA) nur bei einem von zwölf Luftangriffen bisher akzeptiert, dass es zu zivilen Opfern gekommen ist. Sicher, die USA haben die meisten der rund 18.000 Luftangriffe in Syrien und dem Irak durchgeführt, aber es dauerte auch immer mehr als ein Jahr, bevor sie die ersten zivilen Opfer bei solchen Luftschlägen anerkannt hat, und selbst jetzt sieht die Einschätzung der USA bemerkenswert niedrig aus.

Ähnlich sieht es auch bei den Koalitionspartnern aus, u.a. bei der Royal Airforce. Das britische Verteidigungsministerium beharrt weiterhin darauf, dass es bislang "keine bekannten" zivilen Opfer gebe - wohlgemerkt, seit 2014. Der ehemalige Verteidigungsminister Michael Fillon, der bis November 2017 im Amt war, führte gar an, dass die verwendeten "Präzisionswaffen" dafür Sorge tragen würden, dass es bislang zu keinem zivilen Opfern gekommen sei. Plausibel klingt das nicht, weshalb Fallon auch zugab, dass das Risiko von zivilen Opfern nicht auf null tendieren könne, die strengen Vorgaben aber das Risiko verringern würden.

Militärs und Analysten sprechen jedoch das aus, was die Politik zu vermeiden versucht. In einem Konflikt wo Informationen nur über lokale Kräfte eingeholt werden können, ist die Gefahr groß, dass sich hinter Mauern, in einem Haus oder in einem Gebäude auch Zivilisten befinden, weil man sich schlicht auf die Informationen verlässt. Erschwerend kommt hinzu, dass sich Terrormilizen oder Terrororganisationen gerne unter Zivilisten mischen, was die Aufgabe umso schwieriger gestaltet.

Neben zivilen Opfern ist es auch um die kulturellen Stätten und Monumente nicht gut bestellt. Die Terrormiliz IS (DAESH) zerstörte nacheinander mehrere Kulturdenkmäler, wie die 2700 Jahre alte Grabstätte des Propheten Jona in Mossul in der nordirakischen Provinz Ninive, dann das berühmte Nergaltor der Stadt, dann das Museum. Die Zerstörung wurde erst in Nimrud, einst das Juwel des assyrischen Reiches südlich von Mossul, fortgesetzt, führte an der antiken Hauptstadt Hatra entlang nach Syrien, wo dann das UNESCO-Weltkulturerbe dem Erdboden gleichgemacht wurde: Palmyra. Die medialen Berichte darüber bewegten die Welt.

Aber auch die Luftschläge der US-geführten Koalition oder Russlands sowie des syrischen Regimes hinterließen spuren. Im September 2012 brach im alten Stadtkern von Aleppo aufgrund von Bombardements ein Feuer aus, der verheerende Wirkung hatte. Im April 2013 brach das Minarett der historischen Umayyaden-Moschee zusammen. Juli 2015 brach schließlich auch ein Teil der Festung der Stadt zusammen, nach dem es zu Explosionen kam. Laut einem Bericht der UNESCO sind 60 Prozent der Altstadt von Aleppo schwer beschädigt und fast 30 Prozent völlig zerstört.

In Syrien wird für die Zerstörung von antiken Stätten auch das Regime selbst verantwortlich gemacht. Die einst schwer befestigte Festung Krak des Chevaliers nahe der zentralsyrischen Stadt Homs, die 2006 ins Weltkulturerbe aufgenommen wurde, ist nach Beschuss der syrischen Armee stark beschädigt. Anfang 2013 wiesen Experten bereits darauf hin, dass die Truppe des syrischen Regimes, aber auch Milizen und dschihadistische Gruppen alle an der Plünderung von antiken Kulturgütern beteiligt waren, bevor die Terrormiliz IS (DAESH) überhaupt diese Gebiete erreichen und kontrollieren konnte.

Eine Studie über sechs ausgewählten antike Stätten durch die "American Association for the Advancement of Science" (AAAS), die im Dezember 2014 veröffentlicht wurde, ergab anhand von Satelliten-Auswertungen, dass ein signifikanter Anteil der Plünderungen durch die Terrormiliz IS begangen wurde, jedoch Plünderungen in Gebieten wo die IS nicht die Kontrolle hatte, von Regierungstruppen, der YPG und den Rebellengruppen begangen wurden. Zum selben Ergebnis kam auch eine Untersuchung der "Cultural Heritage Initiatives" (ASOR), deren Bericht im September 2015 vorgestellt wurde. Überraschenderweise kam die Untersuchung zu dem Schluss, dass nur 21,4 Prozent der unter der Terrormiliz IS unter Kontrolle stehenden Gebiete geplündert wurden. Im Ergebnis übertrafen die Plünderungsraten der YPG und der Rebellengruppen die der Terrormiliz IS.

Daten, die von ASOR zusammengestellt wurden zeigen aber auch, dass die Terrormiliz IS für die Zerstörung von 15 religiösen Stätten in Mossul verantwortlich gemacht werden kann. Die Luftschläge der US-geführten Koalition zur Rückeroberung der Stadt Mossul beschädigte jedoch 47 religiöse Stätten, von denen 38 größtenteils zerstört wurden. Russische Luftangriffe zur Unterstützung des syrischen Regimes zerstörten heilige Stätten wie die Säulen des Eremiten Simeon von Trier in Deir Samaan. Faßbomben des Regimes haben viele Kulturstätten in ganz Syrien zerstört; ebenso die Bomben von Milizen und Rebellen, die von den Westmächten unterstützt werden.

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