Brandanschläge - Die Sprache als mächtiges Instrument

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Brandanschläge - Die Sprache als mächtiges Instrument

13. März 2018 - 00:50
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In Berlin, Meschede, Itzehoe, Stuttgart werden an einem einzigen Tag mehrere türkische Einrichtungen wie Moscheen, Vereine und Personen angegriffen. Danach berichtet man über die "Trauer" der türkischen Community, den Konflikt in Afrin und über die DITIB als verlängerter Arm Ankaras. Die Sprache ist dabei ein mächtiges Instrument, die aus Opfern Täter macht und jetzt zur Verantwortung gezogen werden sollen.

Brandanschläge - Die Sprache als mächtiges Instrument

Kommentar - In Berlin, Meschede, Itzehoe, Stuttgart werden nach einem Solidaritätsaufruf des PKK-nahen "Kongress der kurdischen demokratischen Gesellschaft in Europa" (NAV-DEM e.V.) an einem einzigen Tag mehrere türkische Einrichtungen wie Moscheen, Vereine und Personen angegriffen. Das kann man als Zufall betrachten, die Türken sehen darin einen Zusammenhang. Danach berichten Medien über die "Trauer" der türkischen Community, den Konflikt in Afrin und über die DITIB als verlängerter Arm Ankaras. Die Sprache ist dabei ein mächtiges Instrument, die aus Opfern Täter macht und jetzt zur Verantwortung gezogen werden sollen.

Die Rolle der Medien

In den Meldungen von Montag wird weiterhin darüber gemutmaßt, wer die Täter sein könnten. Obwohl im Netz Bekennervideos viral verbreitet werden, und zwar über jeden einzelnen Anschlag selbst, die Brandanschläge und Übergriffe auf türkische Einrichtungen und Moscheen seit vergangenen Freitag bis Montag in Berlin, Meschede, Itzehoe, Stuttgart, Lauffen am Neckar, Ahlen und vielen anderen deutschen und europäischen Städten zeigen, spricht man noch immer von "kurdischen Extremisten" oder "bislang unbekannten Tätern". Es wird nicht über Terror, Terrorismus, die PKK oder YPG gesprochen, kein Zusammenhang hergestellt.

Dabei lieferten die Medien vor Jahren selbst noch den Beweis, was die YPG, die NAV-DEM oder andere Organisationen in Wahrheit sind. Aber das wird derzeit nicht zur Aussprache gebracht. 

Es muss den Medien wohl extrem schwerfallen, das Netz nach Hinweisen zu durchsuchen bzw. kurz nach den Brandanschlägen und Angriffen, in sozialen Netzwerken die türkische Community zu verfolgen, die bereits bei unzähligen vorherigen Übergriffen Stunden danach ernsthafte Hinweise lieferten. Man möge doch mal zurückblickend die Berichte der Medien über türkische Vertreter in Augenschein nehmen, um zu verstehen wie einseitig die Medien inzwischen vorgehen. Als ein türkischer ehemaliger Vertreter einer Organisation in sozialen Netzwerken etwas über den Konflikt der Türkei mit der YPG in Afrin schrieb und Partei ergriff, stürzten sich die Medien mit Beweisen aus dem sozialen Netz regelrecht auf ihn. Weitere Beispiele gibt es zuhauf, muss man nicht im Einzelnen erwähnen.

Nichts von dem wurde aber in sozialen Netzwerken, im Netz allgemein in den Stunden danach von den Medien nach dem Brandanschlag am Freitag auf die IGMG-Moschee im baden-württembergischen Lauffen, auch nicht nach einer Serie von Brandanschlägen (DITIB-Moschee in Reinickendorf, Türkisch-Deutscher Freundschaftsverein in Meschede) in der Nacht von Samstag zu Sonntag durchsucht und aufgegriffen.

Es ist doch unübersehbar, dass die Medienlandschaft selektiv vorgeht und tunlichst vermeidet, hiesige PKK-nahe Organisationen zusammen mit dem Konfliktherd Afrin mit dieser Serie von Anschlägen in Verbindung zu bringen. 

Stattdessen spricht man noch immer von "kurdischen Extremisten" und nicht von PKK- bzw. YPG-Terroristen, die einen ausländischen Konflikt nach Deutschland tragen. Man fragt sich auch nicht, was der Auslöser in Deutschland war, dass binnen weniger Tage gleich mehrere Moscheen brennen, wobei die Antwort feststeht: der Aufruf der NAV-DEM e.V. und einer Jugendbewegung die dem Führerkult Öcalan verfallen ist. Im Gegenteil, die Medienberichte konzentrieren ihr Augenmerk auf einen Konflikt der 3.500km. entfernt liegt, als ob die Moscheen zurecht die Konsequenz dessen tragen müssten. 

Man spricht auch nicht von einer Moschee, sondern vom verlängerten Arm Ankaras, die über die DITIB gelenkt werden. Moscheen werden nicht mehr als Gebetshäuser wahrgenommen, sondern als Vorfeldorganisationen einer angeblich totalitären Ideologie und diese Wahrnehmung wurde insbesondere von jenen Organisationen, Politikern und Persönlichkeiten über Medien transportiert, die heute die Anschläge scharf verurteilen. Aber das allein reicht ja nicht mehr, weshalb inzwischen auch die IGMG oder andere türkisch-islamische Verbände wie die ATIB in diesem Kontext erwähnt werden. 

An Scheinheiligkeit kaum zu überbieten

Inzwischen trudeln die ersten "scharfen" Verurteilungen der Taten in sozialen Netzwerken ein. Entsprechend bunt fallen die Kommentare auf diese Beiträge aus, wenn namhafte Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft die Anschläge verurteilen. Diese Kommentare sind jedoch ein Spiegelbild ihrer selbst, die heute obligatorisch die Brandanschläge verurteilen. Von "haben sie selbst zu verschulden" über "die haben es nicht besser verdient" bis "verbietet diese Moscheen", tiefer kann man eigentlich nicht mehr treten. Da tun sich Abgründe auf, die die Beitragsersteller selbst kommentarlos stehen lassen, stehen lassen müssen, weil sie das ernten, was sie zuvor gesät haben. 

Volker Beck verurteilte die Tat als einer der ersten, um prompt mit einer Flut an weiteren Twitter-Beiträgen gegen die auf Pflasterstein betenden Moscheegänger der Koca Sinan Moschee in Reinickendorf nachzutreten. Die Länder und die Bundesregierung müssten ihre Zusammenarbeit mit der DITIB sofort einstellen, so das Resümee von Volker Beck. Religionsfreiheit ist eben in Deutschland nur das Papier Wert, wie die freie Meinungsäußerung, die nur dann gilt, wenn sie die eigene Meinung bestärkt.

Und gleich darauf erscheint eine Presseerklärung der Kurdischen Gemeinde in Deutschland (KGD), in der man die Brandanschläge "scharf" verurteilt, aber gleichzeitig betont, es könne sich ja auch um ein Werk des türkischen Geheimdienstes handeln. Der Bundesvorsitzende Ali Ertan Toprak will sogar als Führer der "Kurden" in Deutschland auftreten und erklärt daher, wie man in Deutschland den Ton angeben kann, ohne gleich Moscheen niederzubrennen. Man hat sich innerhalb der KGD wohl sehr bemüht, alles unter einen Hut zu bringen. 

Da Toprak theoretisch das friedliche Zusammenleben in Deutschland fördert, in dem er eine wehrhafte Demokratie fordert, müsste man annehmen, man stimme als "kurdischer" Verein mit der Verbotsverfügung der Bundesregierung gegenüber der PKK überein. Dem ist nicht so, weshalb man auch gleich mal gegen das Schienbein der Bundesregierung tritt, weil sie ja zu einem ausländischen Konflikt schweige, in der doch eigentlich nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes der syrische Ableger der PKK die Macht an sich reißen will.

Praktisch hat das auch mit Völkerverständigung oder mit dem friedlichen Zusammenleben in Deutschland nichts zu tun, die der Bundesinnenminister bei den Ermittlungen gegen zwei PKK-nahe Unternehmen mokierte, schließlich fordert die KGD einen Reise-Boykott in die Türkei, tritt vereint mit anderen auf die türkische Politik und DITIB ein und weil das praktisch ohne Konsequenzen ist, solidarisiert man sich mit einer Terrororganisation, die im Nahen Osten gegen einen NATO-Partner NATO-Waffen einsetzt und dabei Zivilisten als Schutzschild aufbietet.

Täter-Opfer-Umkehr

Es ist auch recht amüsant zu beobachten, wie die NAV-DEM e.V. sich bei jeder gewalttätigen Ausschreitung mit der Polizei, sei es in der Vergangenheit oder gegenwärtig, aus der Verantwortung stiehlt und die Schuld den Polizeibehörden schiebt. Unter dem Motto „Schluss mit den Angriffen auf Afrin! Freiheit für Abdullah Öcalan“ konnten rund 100 Demonstranten in Berlin-Kreuzberg 14 Polizisten und Polizisten verletzen, ohne dass sich der Organisator der bundesweiten Kundgebungen auch nur in der Pflicht sah, sich davon zu distanzieren oder zu entschuldigen. 

Man mag sich kaum ausmalen, was passiert wäre, wenn eine Solidaritätskundgebung einer türkischen Organisation für die türkische Armee derart aus dem Ruder gelaufen wäre. 

Stattdessen bringt es die NAV-DEM e.V. es doch tatsächlich innerhalb weniger Stunden hin, mit einem einzigen Aufruf in fast 100 deutschen Städten „Spontandemos“ zu organisieren. Da stehen dann plötzlich hier 100, dort 250, anderswo 200 Demonstranten, die mit vorgefertigten Transparenten, Fahnen und Parolen den Flughafenbetrieb lahmlegen, Straßen und Bahnhöfe besetzen, in Podiumsdiskussionen stürmen, Parteibüros besetzen.

Wenig später trudeln dann die ersten Berichte in sozialen Netzwerken ein: hier zwei junge Türkinnen im Fahrzeug angegriffen, dort Fahrzeuge von Türkischstämmigen beschädigt oder in Brand gesetzt, Cafés attackiert, Vereine und Moscheen mit Brandbeschleunigern beworfen.

Doppelmoral

Anders als es z.B. Volker Beck immer wieder hervorhebt, tragen also nicht die Türken den Konflikt auf die Straße, sondern die PKK-nahen Organisationen. Anders als diese beten die Türken für ihre Soldaten in ihren Moscheen oder in den eigenen vier Wänden, damit sie ihre Friedens- und Flüchlingsmission in Syrien nicht nur in Idlib, sondern in Afrin oder al-Bab erfolgreich beenden und wieder zurückkommen und die Familien in die Arme nehmen können, von denen unzählige auch hier in Deutschland Onkel, Enkel, Cousins, Schwager oder Brüder und Schwestern sind. Mag sein, dass die Deutschen aufgrund ihrer Geschichte so ihre Probleme mit der Bundeswehr haben, aber das bindet weder die Türken, noch sind sie dafür verantwortlich. 

Und anders als Volker Beck und andere das immer wieder betonen, beten Briten, Franzosen oder US-Amerikaner in Kirchen ebenso für ihre Soldaten, wie der Kardinal von Köln während des internationalen Soldatengottesdienstes. Weshalb sollen türkische Soldaten anders behandelt werden als Soldaten in übrigen Ländern? Vor allem, seit wann wird die Moral von einigen wenigen vorgegeben?

Etwa durch die PKK-nahen Organisationen, die den Konflikt seit Jahrzehnten nach Deutschland importieren? Man war schon immer recht erfolgreich darin, die Türken zu kriminalisieren, sie als Antidemokraten abzustempeln, aus Partei und Gesellschaft auszustoßen und dann von Integrationshindernissen zu sprechen, unabhängig davon, wer in der Türkei an der Macht saß. Inzwischen ist, seien wir doch mal ehrlich, in den Augen vieler in Deutschland auch Atatürk ein verkappter Diktator, der ab und an sich dennoch im Grabe drehen soll, angesichts der derzeitigen Regierung. Soviel Kopfschütteln ist nicht, wie einem derzeit zumute ist.

Aber es gibt Hoffnung, zumindest was die Moral in Deutschland angeht. Der Berliner Integrationsbeauftragte Andreas Germershausen wertet den Anschlag auf die Moschee in Reinickendorf und ähnliche Taten in anderen deutschen Städten als Terror. "Es ist nicht wichtig, welchen politischen Hintergrund die Taten haben. Wer Gotteshäuser anzündet, dem geht es nur um ein Ziel: Angst und Einschüchterung zu verbreiten. Dem geht es darum, eine Bevölkerungsgruppe zu terrorisieren", sagte Germeshausen. Deutschland müsse wachsam sein und sich solchen Terrorakten entgegenstellen. "Hier wurden einst jüdische Synagogen angezündet, und noch heute müssen sie bewacht werden."

Das geht bei vielen Türken wie Öl runter.

Lautes Schweigen in Berlin

Im Bundestag sind die Brandanschläge und Angriffe in dieser Woche kein Thema. Stattdessen steht auf der Tagesordnung der Einmarsch türkischer Bodentruppen in Nordsyrien. In sozialen Netzwerken herrscht derweil stillschweigende Anteilnahme an der eher stillen "Entrüstung" über die letzten Ereignisse am Wochenende. Cem Özdemir begnügt sich mit einem Retweet, der zuvor noch einen Shitstorm wegen "bösen Blicken" in München lostrat und prompt Polizeischutz erhielt.

Bodo Ramelow positioniert sich mit einem Twitter-Spam zur YPG und empört sich dann über eingehende Drohungen. Dabei hat der verehrte Herr noch nicht verstanden, dass Drohungen dann von ernster Natur sind, wenn man dem auch schutzlos ausgesetzt ist. Tatsächlich erhält die türkische Community seit Jahren ernsthafte Drohungen von Seiten der PKK in Deutschland und Brandanschläge gegen Moscheen der DITIB, IGMG oder ATIB sind nicht erst seit dem Wochenende Gang und gebe. Schutz stand bislang nicht auf der Agenda der Bundesregierung. 

Unter einem Unglück leidet nur der, den es trifft

Es kann von Glück gesprochen werden, dass bislang kein Menschenleben zu Schaden kam. In Lauffen am Neckar hätte es Dutzende Menschen das Leben kosten können, weil die Moschee im Erdgeschoß eines mehrstöckigen Wohnblocks untergebracht ist. In Berlin wären ebenso Menschen umgekommen, hätte das Feuer die oberen Etagen erreicht. Aber wenn man auf das Glück vertraut, wird es demnächst auch Opfer geben, unter der dann die Leiden werden, die es getroffen hat. Sachschäden kann man ersetzen, Menschenleben nicht und Vertrauen muss man sich erarbeiten, um sie zurückzugewinnen. Die ist jedoch angesichts der medialen und politischen Stimmung kaum zu erwarten.

Die türkische Community nimmt solche Anteilnahme gar nicht mehr ernst, weil diese nicht ehrlich gemeint sind. Einerseits ständig und seit Monaten die Türkei, seinen Präsidenten, den Premier, die DITIB-, ATIB- oder IGMG-Moscheen in den Dreck ziehen und so Extremisten darin bestätigen sowie ermuntern, andererseits die Übergriffe von rechts, links und PKK lapidar verurteilen, dass geht mal gar nicht. Die Türkei hat das Recht sich gegen Terror zu verteidigen. Sie kann sich das Recht nehmen, den syrischen Flüchtlingen die Rückkehr in eine sichere Heimat zu ermöglichen, wenn es sein muss mit Waffengewalt. 

Deutschland ist davon nicht betroffen, sondern die Menschen in der Türkei, die syrischen Flüchtlinge aus Nordsyrien, die seit Jahren in türkischen Flüchtlingslagern zu Hunderttausenden leben. Niemand hat das Recht, die Syrer auch noch nach ihrer Ethnie zu kategorisieren und sie entsprechend zu bevorzugen, ob Jesiden, Araber oer Kurden, es sind Flüchtlinge oder Kämpfer, die auch in der Freien Syrischen Armee die Daumen drücken oder Verwandte und Bekannte haben. Alle syrischen Flüchtlinge wollen zurück, ob kurdisch-, arabisch- oder turkmenenstämmig. Wer meint, die Sorgen der Flüchtlinge zu kennen, der kann sie direkt vor Ort nach ihren Wünschen Fragen oder sollte dazu schweigen. Es reicht eben nicht aus, nur die Amazonen der YPJ zu zeigen und toll zu finden, wie die YPG der Terrormilz IS in den Arsch getreten hat, sondern auch mal die Schattenseiten dieser Organisationen klip und klar zu benennen.

Es gibt keine Opposition, als Reporter kann man keine kritische Stimme riskieren, man wird zwangsrekrutiert, schon als Kind und wenn man als Elternteil nicht mitspielt, landet man in irgend einem Loch und wird zugeschaufelt. Wer den Führerkult nicht ehrt, landet auf einer extralegalen Hinrichtung, hat man etwas falsches gesagt, ist man entweder im Exil oder landet irgendwo im Erdloch. Das sagen nicht die Türken allein, dass teilen die Menschenrechtsorganisationen der Welt mit. Macht sich die UNO sorgen über die Zivilisten in Afrin, weil sie als Schutzschilde in der Stadt festgehalten werden, ist nicht die heranrückende türkische Bodenoffensive Schuld daran, sondern wie es der UNO-Hilfskoordinator sagte, die YPG. Und erzählt uns doch nichts vom Pferd, die YPG ziehe die "Kämpfer" von den Fronten ab, wo sie gegen die Terrormiliz IS benötigt werden - man kann eben nicht auf zwei Hochzeiten tanzen. Entweder steht man an der Front gegen die IS und kämpft oder man hat selbst terroristische Ziele im Blick, geht gegen die Türkei zu Felde und führt sich auf wie eine Kriegspartei. Nein, die Türkei hat keine Partei vor sich, sondern eine Terrororganisation, gegen die sie mit einer Freien Syrischen Armee vorgeht. 

Wo sind eigentlich diese 30.000 bis 40.000 YPG und YPJ-"KämpferInnen", die "Kobane" im Alleingang befreit haben? Befreiung ist gut, dem Erdboden gleichgemacht, mit Hilfe der US-Luftschläge, dass ist die richtige Antwort, und zudem auch noch mit Hilfe der Türkei, die über Erbil nach Sanliurfa die Peschmergas einfliegen ließen, um sie dann per Polizeieskorte zur Grenze zu begleiten. Wenn man der Türkei oder der türkischen Regierung vorwirft, gegen die "Kurden" genozidial vorzugehen, dann bitte bei den kurdischen Irakern nachfragen, die husten euch was vor. Nicht erst seit Saddam und seinem Giftgasangriff auf Kurden, ist die Türkei bekannt dafür, kurdische Flüchtlinge zu Hunderttausenden aufzunehmen. Seit dem syrischen Bürgerkrieg leben Hunderttausende in der Türkei, darunter auch kurdischstämmige Syrer, die wieder in ihre Heimat wollen.

Man kann in sozialen Netzwerken Videobeiträge erhaschen, wie einzelne Kämpfer der Freien Syrischen Armee in ihre Heimatdörfer marschieren und von ihren Familien mit Freude empfangen werden, Araber, Kurden, Turkmenen. Das alleine ist eine Genugtuung für die türkische Bevölkerung, zumindest für diese Menschen, etwas getan zu haben. Was haben die Bundesdeutschen bislang getan, als sich mit dem Flüchtlingsdeal von der Verantwortung zu stehlen? Was hat Europa überhaupt getan, als nur Waffen in die Region zu liefern und zuzuschauen, wie sie sich da unten gegenseitig abschlachten? 

Wo waren die Linken, Demokraten, Mustermigranten und Humanisten, als NATO-Waffen an die YPG geliefert wurden, als die US-"imperialistische" Allianz sich mit der YPG zusammenschloss, um Araber, Turkmenen und andere Ethnien aus ihren angestammten Gebieten zu vertreiben, und sich dabei immer wieder mit Assad zu verständigen? Jetzt zu fordern, die Bundesregierung solle die Waffenlieferung an die Türkei sofort einstellen, ist schon dreist und opportun. Genauso opportun wird die Türkei nun das tun, was sie für richtig hält, und zwar bis zum Schluss, da können sich die Damen und Herren auf den Kopf stellen, Purzelbäume schlagen, Moscheen abfackeln oder Menschen angreifen, es wird nichts bringen, weil die Türken hier nur ein Bruchteil des türkischen Volkes vertreten, die überwältigende Mehrheit in der Türkei lebt und Entscheidungen trifft. 

Es ist schon ziemlich naiv zu glauben, die hierlebenden Türken könnten irgend etwas in der Türkei verändern oder die Entscheidungen der Regierung konkret beeinflussen. Und wenn es so wäre, würden wohl mehr als die Mehrheit diese Operation gegen eine Terrororganisation, sei es die YPG, PKK oder IS mittragen, ohne zu hinterfragen. Schließlich kennt man die Terrororganisationen und ihre Taten zur Genüge, auch wenn man uns vorwirft, einseitig über staatliche türkische Medien zu informieren.

Man kann als türkisches Volk Stolz darauf sein, entgegen aller Widrigkeiten die Operation durchgezogen zu haben, damit die syrischen Flüchtlinge in ihre angestammten Gebiete zurückkehren können. Erstmals ist auch die PKK derart geschwächt, dass sie inzwischen Europa, den Westen insgesamt zur Solidarität auffordern und dazu übergehen, in ihren Exil-Ländern selbst Schaden zuzufügen. Wer noch einst in der SPD, Grünen oder CDU/CSU als Projektion für gelungene Integration oder Völkerverständigung diente, mausert sich derzeit zum schärfsten Kritiker, während ihre Anhänger Parteizentralen angreifen. Wenn Volker Beck Trojaner sucht, findet er sie in seiner eigenen Partei und anderen deutschen Parteien - kennt er sie doch alle allzugut persönlich.

Die Moscheen sind kein politisches Spielfeld der deutschen Innen- und Außenpolitik, sondern Gebetsräume für Hunderttausende türkische Muslime, die mindestens einmal in der Woche hineingehen, beten und wieder verlassen. Was sie dort zu hören bekommen, wie sie zur türkischen Innen- oder Außenpolitik stehen, geht nur sie etwas an und niemand anderen, da sie es hinter verschlossenen Türen tun. Und wenn sie einmal Stellung beziehen, dann doch bitte genauso tolerieren, wie man Bodo Ramelow in seiner Haltung tolerieren soll, dessen Partei zu Afrin oder PKK insgesamt eine entschiedene Position eingenommen hat. Niemand schreibt anderen vor, wie sie sich zu integrieren haben, ganz besonders nicht gegenüber der NAV-DEM, der KGD oder anderen Organisationen, deren einzige Daseinsberechtigung auf Türken und die Türkei aufbaut. Vor allem hier sollten doch die Herrschaften und Medien einen Blick riskieren, wen sie huldigen, wem sie Bittgebete richten oder wie sie bereits ihre Kinder ideologisch für die Zukunft vorbereiten. 

Frappierende Ähnlichkeiten in den Positionen haben all diese Herrschaften und Organisationen auch noch ausgerechnet mit der AfD, der rechten und linken Szene, die sich genauso mit türkischen Themen auf dem politischen Parkett behaupten und dabei dem ganzen die gewisse Würze geben. Das sagt viel über diese Organisationen, Politiker oder Persönlichkeiten aus.

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