Putschversuch - Meistgesuchte Türke in Berlin?

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Putschversuch - Meistgesuchte Türke in Berlin?

13. Juni 2018 - 18:52
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Laut der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu befindet sich Adil Öksüz in Deutschland. Nach Öksüz wird in der Türkei als Top-Terrorist gefahndet. Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu hat am Mittwoch Deutschland erneut aufgefordert, Mitglieder der Fethullahistischen Terrororganisation an die Türkei auszuliefern. Çavuşoğlu zufolge sei den Berliner Behörden der mutmaßliche Aufenthaltsort des Verdächtigen bekannt.

Putschversuch - Meistgesuchte Türke in Berlin-Neukölln?

Berlin / TP - Laut der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu befindet sich Adil Öksüz in Deutschland. Nach Öksüz wird in der Türkei als Top-Terrorist gefahndet. Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu hat am Mittwoch Deutschland erneut aufgefordert, Mitglieder der Fethullahistischen Terrororganisation an die Türkei auszuliefern. Çavuşoğlu zufolge sei den Berliner Behörden der mutmaßliche Aufenthaltsort des Verdächtigen Adil Öksüz bekannt.

Korrespondenten der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu verfolgten offenbar eine heiße Spur, die nach Berlin-Neukölln führte. Hier soll sich laut mehreren Zeugen der meistgesuchte Mann der Türkei, Adil Öksüz (51) in einer Wohnung einquartiert haben. Die Korrespondenten begaben sich zu der Adresse, klingelten sogar an der Wohnungstür, doch aufgemacht hätte keiner. Nachbarn zufolge würden sie den Mann, der unter dem Nachnamen "Yasar" seit Anfang des Jahres in der Wohnung lebe, nicht kennen. 

Dem Bericht der Anadolu zufolge gehört die Wohnung einem türkischen Geschäftsmann mit mutmaßlichen Verbindungen zur Fethullahistischen Terrororganisation. Er unterhalte bundesweit weitere Wohnungen, in denen türkische Exilanten untergebracht seien. 

Laut der Tageszeitung "Der Tagesspiegel" ist den deutschen Behörden seit längerem der Aufenthaltsort von Adil Öksüz bekannt. Der Staatsschutz des Landeskriminalamtes Berlin habe Maßnahmen zum Schutz der Person ergriffen, heißt es in dem Bericht weiter. 

Ob diese Schutzmaßnahmen schon seit längerer Zeit bestehen oder ob diese erst nach der Veröffentlichung der Wohnanschrift ergriffen wurden, blieb unklar. Tatsächlich ist den Behörden schon seit längerem bekannt, wer da in Deutschland Zuflucht gesucht hat. Die Türkei hat den Mann über Interpol mit Haftbefehl zur Fahndung ausgeschrieben. Doch nach Tagesspiegel-Informationen hat das Bundesjustizministerium eine Verhaftung und Auslieferung abgelehnt, lediglich der genaue Aufenthaltsort sei von den deutschen Sicherheitsbehörden festgestellt worden, hieß es.

Der Tagesspiegel vom 13. Juni - Türkische Medien veröffentlichen Berliner Anschrift von Erdogan-Gegner

Blackbox des Putschversuchs

Adil Öksüz wird von der türkischen Justiz beschuldigt, als "Imam der Luftwaffe" den gescheiterten Putschversuch vom 15. Juli 2016 vom Luftwaffenstützpunkt Akıncılar-Airbase bei Ankara geleitet zu haben. Seit dem gescheiterten Putschversuch vom 15. Juli 2016 wird im Hauptverfahren 485 Angeklagten der Prozess gemacht, darunter in Abwesenheit gegen die sogenannte "Blackbox des Putsches" Adil Özsüz. 

Einen starken Hinweis für die mutmaßliche Verbindung zum gescheiterten Putschversuch lieferten Sicherheitskameras in der Akıncılar-Airbase bei Ankara während der Putschnacht selbst. Sie hielten in der Putschnacht Bilder eines grauhaarigen, hektisch herumlaufenden Mannes fest, der dort - wie alle anderen Zivilisten - nichts zu suchen hatte, jedoch Anweisungen an Militärangehörige gab, die dem Folge leisteten. Öksüz wurde im laufe der Nacht in der Nähe des Militärflugplatzes von Gendarmerieeinheiten ergriffen und dem Haftrichter vorgeführt. Nach dem Verhör wurde Öksüz unter Auflagen jedoch freigelassen, befindet sich seit dem auf der Flucht. 

Bislang sind die Hintergründe über die Flucht nicht eindeutig aufgeklärt. Die türkische Justiz hat auf Öksüz ein Kopfgeld in Höhe von umgerechnet 1 Millionen Euro für Hinweise zur Ergreifung gesetzt. Nachrichtendienste sollen Medienberichten zufolge auf Öksüz angesetzt worden sein, da er als Führer der Putschisten gehandelt wird. In der Türkei steht Öksüz auf der roten Liste und ist einer der acht meistgesuchten Terroristen.

Ende Juli hatte die türkische Presse unter Berufung auf Sicherheitskreise berichtet, Öksüz sei von zwei unabhängigen Personen in Deutschland gesichtet worden, einmal in Ulm und Frankfurt am Main. Das gehe aus dem Schriftverkehr diplomatischer Vertretungen hervor. Laut türkischen Medien scheint Ulm dabei eine zentrale Anlaufstelle für gesuchte Personenkreise aus der Türkei sein, die in Zusammenhang mit Fethullah Gülen und der Fethullahistischen Terrororganisation (FETÖ) stehen. Die Terrororganisationen soll auch für den gescheiterten Putschversuch vom 15. Juli 2016 verantwortlich sein. 

Anfang August hieß es dann in türkischen Medien, Adil Öksüz habe laut Sicherheitskreisen in Baden-Württemberg eine befristete Duldung erhalten, jedoch namentlich nicht im System der Ausländerbehörden hervorgehen. Danach soll sich Öksüz nach Hannover abgesetzt haben. Mitte August gab das türkische Außenministerium in einer Erklärung bekannt, dass die türkische Justiz auf die zunehmenden und konkreten Hinweise reagiert und sich über das Außenministerium mit einer Note an das deutsche Auswärtige Amt gewandt habe. In der Note wurde Deutschland darum ersucht, Adil Öksüz auszuliefern, falls sich dieser im Land aufhält. Das Auswärtige Amt bestätigte deutschen Presseberichten zufolge den Eingang der Note.

Bis vor kurzem konnte man nicht konkret nachweisen, wie Öksüz die Flucht gelang oder welche Wege oder Hilfe er dabei in Anspruch nahm. Nur wenige Monate nach dem Putschversuch wurde der Richter Çetin Sönmez verhaftet, der für die Freilassung vom 18. Juli 2016 verantwortlich war. Mitte Mai 2017 kamen erste Medienberichte auf, wonach Sönmez, der derzeit wegen Mitgliedschaft in der Terrororganisation FETÖ in Untersuchungshaft sitzt, erklärt habe, zur Gülen-Gemeinschaft anzugehören und auch mit Fethullah Gülen an einem Tisch gesessen zu haben. 

Laut Medienberichten entließ Sönmez den Putschführer Öksüz nicht nur unter Auflagen am 18. Juli 2016 aus der Haft, vermutlich hat er auch Öksüz gewarnt, sein Handy weiter zu benutzen und auszuschalten. Medienberichten zufolge hat Sönmez um eine Kronzeugenregelung gebeten und will vollumfänglich geständig sein. Aus Sicherheitskreisen hieß es nach einem Bericht der Tageszeitung Cumhuriyet, dass der Putschführer zuletzt das Handy in Sakarya - rund 100km. östlich von Istanbul - am 20. Juli 2016 nutzte und dann abrupt ausschaltete, so dass die Ortung nicht mehr möglich war. Das Auschalten des Handys sei aber noch am selben Tag erfolgt, als auch die Ermittler per Antrag und Verfügung des Richters Sönmez die Handyortung aufgenommen hätten.

Çavuşoğlu: Deutschland fahndet nach Öksüz

Unterdessen erklärte der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu in Antalya während einer Presseanfrage, dass die Berichte der Medien stimmen würden. "Anscheinend stimmen die Angaben überein. Wir haben die deutschen Behörden kontaktiert und um Amtshilfe erbeten sowie die Informationen weitergeleitet." erklärte Çavuşoğlu und fügte hinzu "Deutschland hat ein Durchsuchungsbefehl für Adil Oksuz ausgestellt."

Während einer Pressekonferenz in Berlin erklärte der Sprecher des Auswärtigen Amtes, dass die Frage über den Verbleib des Mannes ein ständiges Thema in den bilateralen Beziehungen sei. "Aber ich kann ihnen im Moment nicht sicher sagen, ob es hier eine konkrete Neuentwicklung gibt", sagte Maria Adebahr weiter. Die Sprecherin des Innenministeriums, Eleonore Petermann, erklärte auf Anfrage, dass sie keine neuen Informationen zu diesem Thema hätten. 

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AA, firari FETÖ’cü Adil Öksüz’ün Almanya’da saklandığı iddia edilen evi görüntüledi
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Staatsmedien der Türkei veröffentlichen Wohnanschrift eines Mannes in #Berlin, der bei Putsch gg. Erdogan Führungsrolle gespielt haben soll. @BMJV_Bund lehnt @INTERPOL_HQ-Haftbefehl ab. Staatsschutz @polizeiberlin ergreift Schutzmaßnahmen.@SusanneIstanbulhttps://t.co/Xf6ERWsqiI pic.twitter.com/7tiuCmPOP7

— Alexander Fröhlich (@alx_froehlich) 13. Juni 2018