Nimm den Pastor, gib den Imam? Wieder nichts!

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Nimm den Pastor, gib den Imam? Wieder nichts!

13. Oktober 2018 - 01:12
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Ein türkisches Gericht hat den Hausarrest des US-Pastors Brunson aufgehoben. Er wurde zwar verurteilt, muss die Haft aber nicht mehr antreten. Nun verließ der evangelikale Pastor die Türkei. Zurück bleibt ein großes Fragezeichen und viele die verstört dreinblicken.

Papazı bıraktık (bulduk)

Kommentar - Ein türkisches Gericht in Izmir hat am vierten Verhandlungstag den Hausarrest des US-Pastors Andrew Craig Brunson aufgehoben. Er wurde zwar zu mehr als 3 Jahren verurteilt, muss die Haft aber nicht mehr antreten. Seit dem 7. Oktober 2016 war Brunson in türkischer Haft und wurde erst am 23. Juli 2018 in den Hausarrest entlassen. Ihm warf die Generalstaatsanwaltschaft Mitgliedschaft in einer oder mehrerer Terrororganisationen und Spionage vor. Nun verließ der evangelikale Pastor am Freitag die Türkei. Zurück bleibt ein großes Fragezeichen und viele die verstört dreinblicken.

Viele Fragen sich zurecht, seit wann in der Türkei ein Angeklagter mit einer lächerlichen sprichwörtlichen Ordnungswidrigkeit davonkommt, dem Terrorismus und Spionage vorgeworfen wird. Bis vor einigen Stunden war der Angeklagte noch Faustpfand und Feindbild Nr. 2 in der Rangliste, dann packte Brunson in Izmir seine rote Unterhose ein und sagte auf dem Adnan-Menderes Flughafen "then my friends". Gehts noch?

Dieser Mann wird in wenigen Stunden - womöglich sogar in einem Anwesen in Pennsylvania zusammen mit einem türkischen Seelenprediger - in Pyjamas vor der Glotze US-Talkshows schauen und Burger oder Pizzas verdrücken. Nächste Woche wird er ins Weiße Haus zitiert, wo sich Trump so kurz vor den bevorstehenden Zwischenwahlen zum Besten geben kann und in Twitter mit "We fucked her!" den Adressaten nicht einmal mehr nennen muss.

Seit Amtsantritt des türkischen Außenministers Davutoğlu wird die türkische Außenpolitik fast schon in erschreckender Art von Pleiten, Pech und Pannen begleitet. Anscheinend ziehen wir jedes Mal das große Los, um später ernüchternd festzustellen, dass es eine Niete war.

Ja haben wir denn vor Gräbern getanzt, die drei heiligen Bücher ohne Reinwaschung angefasst, die Nachbarsfrau schief angeguckt, eine Waise auf der Straße geohrfeigt, oder weshalb will das alles nicht enden, mit was will uns der lieber Herrgott noch bestrafen? Was soll denn noch passieren?

Ich sag’s mal salopp: Bruder, hat diese Regierung überhaupt noch einen Verstand, ein Gewicht in der Welt? War denn dieser Pastor kein Spion, nicht ein weiteres FETÖ-Mitglied, ein PKK´ler; wobei, wie das zusammenpasst, gleichzeitig in zwei Terrororganisationen den Seelenfrieden gepredigt zu haben, dass ist auch noch so eine offene Frage. Wollte man ihn nicht tauschen, mit einem der größten Terroristen in den USA?

Zuerst wird dieser Pastor zwei Jahre in Untersuchungshaft genommen und man schafft es nicht, ihn zu verurteilen. Wenn er ein Spion und Terrorist ist, wo sind dann die belastenden Beweise, die ihn für mindestens ein Vierteljahrhundert hinter Gitter bringen sollten? Haben wir denn keinen Nachrichtendienst, keine Polizei, kein Militärabschirmdienst, der Beweise beschaffen kann, außer mit einem sogenannten Kronzeugen zu kommen, die wir zudem nie zu Gesicht bekommen?

Und dann diese Sonderbehandlung, die in der türkischen Geschichte wohl einmalig bleiben wird: Hausarrest. Trump keift und brüllt, der Pastor zieht vor Gericht und zückt den Gesundheitsjoker und prompt bekommt er ein eigenes Zimmer in einem Apartment seiner Wahl mitten in der ägäischen Perle Izmir. Gabs das während der Mammut-Prozesse im Ergenekon- oder Vorschlaghammer-Verfahren oder überhaupt in der Republiksgeschichte?

Aber noch verrückter wird es dann, wenn man einen Hausarrestler medial und politisch als "Terroristen" abstempelt, als Faustpfand gegen Fethullah Gülen vermarktet, "erhängt" sehen will, ihn "beschneiden" will oder sonstigen stattlichen Fantasien aussetzt, die dann doch nicht eintreten, geschweigenden umgesetzt werden. Wer so schreit, hat meist Unrecht und ist auch verantwortlich dafür, dass die Türkei Kursschwankungen durchmacht.

Es ist daher auch kaum verständlich, dass man sich ausgerechnet mit dem Psychopaten Trump - dem Mann mit dem Klopapier an der Verse - in einen Verballkrieg einlässt, und wenn man sich schon darauf eingelassen hat, wieso zum Teufel lässt man den Pastor dann davonziehen? Höhere Politik? Womöglich, aber der Sinn darin entzieht sich mir…

Wenn ich jetzt von Rechtstaatlichkeit spreche, lacht mich meine Frau höchstwahrscheinlich aus. Was lernen wir daraus? Mit den USA stehen wir auf Kriegsfuß. Die türkische Wirtschaft - vorsichtig ausgedrückt - schwächelt. Wir stehen nunmehr als ein Staat im Rampenlicht, der einen Mann unschuldig festgehalten hat; auch wenn er zu drei Jahren Haft verurteilt wurde. Was wir auch immer gesagt, von uns gegeben haben, wir lecken es derzeit sprichwörtlich wieder auf.

Wir haben der Welt wieder einmal erneut und immer wieder bewiesen, dass die Justiz nicht unabhängig ist. Wir haben aller Welt gezeigt, wie man die Türkei unter Druck setzen und Forderungen durchsetzen kann. Morgen kann die EU daherkommen und uns diktieren, was wir zu tun haben; macht sie ja schon nach Belieben.

Politik ist keine Bühne für Laienschauspieler, artistische Einlagen schüchtern vielleicht Inselstaaten wie Nauru ein, aber nicht eine Supermacht wie die USA. Wenn man einen Mann etwas vorwirft, dann ist er schuldig, man erhängt ihn, buchtet ihn ein oder er ist unschuldig und man lässt ihn auch zügig frei. Etwas dazwischen gibt es nicht. Man macht es richtig und entschlossen, dass ist Stärke und Macht!

Oder man macht es wie in der Türkei; man versucht sich ebenfalls als Psychopaten. Das Volk ist sowieso bereit, für das Land zu sterben, aufgrund der Wirtschaftszahlen Hunger und Durst zu erleiden, die geliebten iPhones zu zerstören. Will man all das nicht sein oder haben, handelt man so wie es ein Rechtsstaat nun einmal erfordert: Richtig und entschlossen.

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