Deniz Yücel - Arrangierte Verhaftung

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Deniz Yücel - Arrangierte Verhaftung

Februar 19, 2017 - 16:15
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In der Türkei ist der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel in Polizeigewahrsam, weil er Mitglied einer Terrororganisation sein soll, Daten manipulativ wiedergegeben und damit Propaganda für eine Terrororganisation betrieben haben soll. Die Hintergründe dazu werfen jedoch mehr Fragen auf, als es Antworten liefert. Die Gerüchteküche brodelt, man befürchtet Absprachen zwischen der Türkei und Deutschland in Zusammenhang mit den Ermittlungen gegen den Journalisten.

Die Kulturakademie in Tarabya (© Generalkonsulat Istanbul)

Istanbul / TP - Der Journalist Deniz Yücel von der deutschen Tageszeitung "Die Welt" wurde in der Türkei festgenommen. Ihm wird Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, Datenmissbrauch und Terrorpropaganda vorgeworfen, weil er über geleakte E-Mails des Energieministers und Schwiegersohns von Erdogan berichtet hatte. Bislang wurden in Zusammenhang mit den geleakten E-Mails und der Berichterstattung darüber sechs Journalisten verhaftet, drei kamen inzwischen frei.

"Die Welt" gab am Freitag bekannt, dass der Journalist Deniz Yücel sich den Ermittlern am Dienstag freiwillig stellte, um der Vorladung des Istanbuler Polizeipräsidiums Folge zu leisten. "Die Welt" berichtete hierzu:

Türkei-Korrespondent Deniz Yücel in Polizeigewahrsam

Yücel, der im Zusammenhang mit Berichten über eine Hacker-Attacke auf das E-Mail-Konto des türkischen Energieministers gesucht wurde, hatte sich am Dienstag in das Polizeipräsidium in Istanbul begeben, um sich Fragen der Ermittler zu stellen. Nach den Regeln des derzeit geltenden Ausnahmezustandes in der Türkei kann er bis zu 14 Tage ohne Anhörung durch einen Richter in Polizeigewahrsam gehalten werden. Anschließend kann die Staatsanwaltschaft Untersuchungshaft beantragen. Yücels Wohnung wurde durchsucht.

Was man jedoch weder von der "Die Welt", Deniz Yücel oder anderen Medien mitbekam, erwähnte der FAZ-Korrespondent Michael Martens am Sonntag nebenbei und ganz beiläufig in einem Kommentar:

Einmal Türke, immer Türke?

Für die „Welt“ tat das bis Ende 2016, als er auf dem exterritorialen, also dem türkischen Zugriff entzogenen Gelände der deutschen Kulturakademie in Tarabya Zuflucht fand, ebenjener Deniz Yücel, der sich nun den türkischen Behörden stellte. Yücel und Topcu sind Deutsche, hier geboren und aufgewachsen. Yücel besitzt zudem die türkische Staatsbürgerschaft, was die Lage in der Türkei für ihn nun erschwert.

Deniz Yücel hatte sich demnach bereits seit Ende des vergangenen Jahres der Vorladung der türkischen Polizei geflissentlich entzogen, in dem er sich in der Kulturakademie Tarabya aufhielt, der Sommerresidenz der deutschen Botschaft in Istanbul. Aussergewöhnlich, zumal der Aufenthalt eines deutsch-türkischen Journalisten auf einem Botschaftsgelände bis zum Wochenende kein Thema in den deutschen Medien war, obwohl bereits Mitte Dezember ersichtlich war, dass die Berichterstattung über die geleakten E-Mails von den Ermittlungsbehörden verfolgt wurde und dabei bislang sechs Journalisten verhaftet wurden, von denen drei wieder auf freien Fuß gesetzt wurden.

Bislang gestaltete sich eine Verhaftung eines ausländischen Journalisten für türkische Ermittlungsbehörden, als Gradwanderung zwischen medialer Hyperreaktion und politischen Possen aus dem Ausland, und zwar recht zeitnah mit der Festsetzung eines Journalisten. Beispiele gibt es zuhauf, wie uns europäische Medien stets vorführten. Als unter anderem der ARD-Korrespondent Volker Schwenck die Einreise am Istanbuler Flughafen verwehrt, bis zur Ausreise festgesetzt wurde, twitterten zahlreiche Kritiker zeitnah darüber, bis auch im letzten Winkel der Republik jeder über die Abschiebung Bescheid wusste. Weiteres bekanntes Beispiel: Hasnain Kazim, dem die Akkretierung verwehrt wurde und dieser in einem Hals-über-Kopf Manöver das Land verließ sowie dabei mediale Aufmerksamkeit genoß.

So aber nicht bei Deniz Yücel. Seit über zwei Monaten saß nun Deniz Yücel erst einmal in der Kulturakademie in Tarabya fest, ohne dass der Journalist, der in sozialen Medien ansonsten ein Post-Marathon hinlegte, auch nur eine einzige Silbe darüber verlor oder die Starbesetzung in der "Die Welt" Redaktion darüber auch nur ein Wort berichteten - bis zum 17. Februar, als Deniz Yücel wieder auf Facebook ein Lebenszeichen gibt, also fast zwei Monate nach dem letzten Tweet bzw. Eintrag in Facebook und die Medien nachziehen: "Die Welt" meldet, dass der Journalist sich in das Polizeipräsidium begab und dann in Gewahrsam genommen wurde, während das Auswärtige Amt mit wachsweichen Bemerkungen ihren Beitrag leistet, um auf die Festnahme zu reagieren.

Merkwürdig dabei: Just zu Beginn der dreitägigen Münchner Sicherheitskonferenz stellte sich Yücel den Behörden, also kurz nach dem der türk. Ministerpräsident Yildirim Kanzlerin Merkel traf. Nach dem Treffen mit Kanzlerin Merkel reiste der türkische Ministerpräsident weiter nach Nordrhein-Westfalen, wo Yildirim in Oberhausen vor in Deutschland lebenden Landsleuten für die Verfassungsreform in seiner Heimat warb.

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