Berlin will Miete von Türkei erheben

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Berlin will Miete von Türkei erheben

20. September 2017 - 18:02
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Staatliche türkische Lehrer geben seit 1957 kostenlos weltweit türkischen Sprachunterricht  in Schulen. In Berlin soll sich das nun nach mehr als 40 Jahren ändern. Das Schulamt für Berlin-Mitte fordert für 2017/18 rund 30.000 Euro für die Raumnutzung in 16 Grundschulen und beruft sich auf die neue Landeshaushalts- und Entgeltordnung.

Berlin will Miete von Türkei erheben

Berlin / TP - Der Konsulatsunterricht entstand in Deutschland in den 70er Jahren als Sprachunterricht für die Kinder der "Gastarbeiter." Bis heute wurde das Modell kaum angetastet, die Herkunftsländer (darunter die Türkei, Italien, Griechenland, Portugal und Nachfolgestaaten Jugoslawiens) organisieren seitdem die Kurse, schicken dafür Lehrer nach Deutschland und stellen das Unterrichtsmaterial bereit. Zwar ist das für deutsche Schulämter kostengünstig, weil nur die Räume zur Verfügung gestellt werden, doch dass soll sich nach gegenwärtigen Plänen in Berlin demnächst ändern. Das Schulamt in Berlin-Mitte fordert nun für die Raumnutzung in 16 Grundschulen rund 30.000 Euro von der Türkei. Die hat dagegen Einspruch erhoben.

Inzwischen, so berichtet Der Tagesspiegel, hätten erste Berliner Bezirke entsprechende Beschlüsse gefasst und seien mit der türkischen Botschaft in regem Kontakt. Berlin-Mitte habe bereits ihre Forderungen konkretisiert und verlangt demnach für das Schuljahr 2017/2018 von der Türkei 30.000 Euro. Die Idee dazu sei bereits 2015 gefasst und vom Bezirksamt während der SPD-Regierung angenommen worden. Weshalb die SPD damals die Landeshaushalts- und Entgeltordnung nicht durchgesetzt habe, könne laut Tagespiegel auch der Bildungsstadtrat Carsten Spallek (CDU) nicht erklären.

Fest steht jedoch, dass der Richtungswechsel bereits seit 2015 konkrete Formen angenommen hat. So berufen sich die Bildungsgewerkschaft GEW in Baden-Württemberg oder Nordrhein Westfalen immer wieder auf die derzeitige politische Lage in der Türkei, um den Konsulatsunterricht abzuschaffen und ihn durch eigene Sprachangebote zu ersetzen. Türkische Elternverbände und Vereine fordern ebenfalls eine Überarbeitung, doch soweit will man dann doch nicht gehen, wie es die GEW fordert.

Ingesamt nehmen laut einer Befragung des rund 40.000 Schüler an Türkischkursen in Deutschland an der konsularischen Unterrichtsbetreuung teil. Die meisten von ihnen (rund zwei Drittel beziehungsweise 25.000 Schüler) besuchen die Türkischkurse in Baden-Württemberg, wo rund 250 Lehrer aus der Türkei unterrichten. Auch sieben andere Bundesländer setzen bislang vor allem auf die angebotenen Kurse der türkischen Konsulate.

Nordrhein Westfalen und Rheinland-Pfalz gehen da eigene Wege. Hier werden die Lehrer und der Türkischunterricht selbst organisiert und gestellt. Hier besuchen laut des Statistischen Bundesamts rund 51.000 Schüler den integrierten Türkischunterricht.

Seitdem eine Debatte um den türkischen Konsulatsunterricht in Deutschland an Intensität zugenommen hat, kündigen immer mehr Landesregierungen verstärkte Kontrollen des Unterrichts an. Konkrete Hinweise auf eine türkische Einflussnahme liegen dabei bislang laut Mediendienst nicht vor. Dennoch und aufgrund der Politisierung der Debatten um den Türkischunterricht, zog Berlin bereits 2015 politische Konsequenzen und wollte ebenfalls eigenen Sprachunterricht anbieten, wobei der Kostenfaktor höchstwahrscheinlich eine große Rolle gespielt hat, weshalb man es zunächst nicht durchgesetzt hat und nun von der Türkei für die Raumnutzung Miete erheben will.

Kritik kommt daher von den türkischen Elternverbänden und türkischen Vereinen. So erklärte Dr. Ali Sak, Vorsitzender des Elternverbandes Ruhr und Vorstand der "Föderation Türkischer Elternvereine in Deutschland" (FÖTED): "Der Konsulatsunterricht in seiner jetzigen Form muss überarbeitet werden." Jedoch warnt Sak vor einer Polemisierung der Debatte und fordert stattdessen, dass der herkunftssprachliche Unterricht in Zukunft "fest in das Regelsystem integriert wird". Dazu gehöre, ein verbindliches, "länderübergreifendes Curriculum für den Türkischunterricht" zu erstellen. Ferner dürfe man türkische Konsulatslehrer nicht pauschal verurteilen, denn auch sie würden seit Jahrzehnten hervorragende Arbeit leisten. 

Der Vorsitzende des Türkische Bund in Berlin-Brandenburg (TBB), Safter Çınar, erklärte, wenn Englisch gelehrt werde, spreche man ja auch nicht von Donald Trump oder wenn Russischunterricht angeboten werden von Putin. Die Diskussion um den Türkischunterricht sei lächerlich, zumal der muttersprachliche Unterricht ein Recht sei und nicht davon abhinge, wer sie zur Verfügung stellt. Dann müsse man eben dafür Sorge tragen, dass die eigenen Lehrer und Räume zur Verfügung gestellt werden, so Çınar weiter.

Auch die Vorsitzende der Föderation Türkischer Elternvereine in Deutschland (FÖTED), Berin Arukaslan, ist über die derzeitige Debatte nicht erfreut. Über die Art und Weise könne man diskutieren, aber es dürfe nicht dazu übergehen, die Sprache oder die Kultur zu kritisieren.

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