DITIB - Spiegelbild der türkischen Community

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DITIB - Spiegelbild der türkischen Community

24. Februar 2017 - 15:36
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Auf Aluhut-Niveau wird gerade der Versuch unternommen, die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion, kurz DITIB, politisch wie gesellschaftlich nicht tragfähig zu zeichnen. Inzwischen werden auch Schüler und Eltern unter Verdacht gestellt, Mitglieder des terroristischen Gülen-Netzwerks ausspioniert und den türkischen Behörden gemeldet zu haben oder dazu angehalten worden zu sein. Dahinter steckt eine Absicht...

DİTİB-Zentralmoschee Köln

Kommentar / TP - Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion, kurz DITIB, ist das Spiegelbild der türkischen Community in Deutschland - zumindest eines erheblichen Teiles, wenn wir die anderen türkischen Religionsverbände und Vereine mal ausser acht lassen. Auch die derzeit unter Verdacht gerückten Schüler und Eltern sind ein Spiegelbild der türkischen Gemeinschaft in Deutschland. Es wird auch stets ausser acht gelassen, dass die DITIB aus rund 960 Moscheevereinen besteht, die in Gemeinden im gesamten Bundesgebiet während der Jahrzehnte aus eigenem Antrieb und mit eigenen Mitteln von türkischen Bürgern gegründet und aufgebaut wurden. 

Das bedeutet, dass die DITIB, der Verband in Köln eine Vielfalt der türkischen Community repräsentiert, die nicht nur eine religiöse Gemeinsamkeit aufweist, sondern auch die Sprache und Kultur. Doch sie unterscheidet sich auch in einem gegenüber anderen: in der vorgelebten Diversität. Anders als andere Religionsgemeinschaften sind Menschen anderer Nationen, Flüchtlinge, Arme, politische Ideologien willkommen, so lange man beten will, sich unterhalten, Sorgen teilen will. Die DITIB und die Moscheevereine halten ihre Türen für alle offen. Wenn eine ideologisch-religiöse Moscheevereinigung kein Gebetshaus mehr hat, aus welchen Gründen auch immer, weil man sich vielleicht im Umzug befindet oder aufgelöst hat, dann sind die Moscheevereine immer Anlaufpunkt für viele, auch wenn man zuvor anderer Meinung war. Ist wie bei Mutti, die immer ein warmes Herd und eine kuschelige Decke hat, wo man immer willkommen ist.

Nun steht die "Mutti" in der Kritik und unter angedichteten Verdacht. Die Verdachtsmomente haben sich bislang nicht bestätigt, jedenfalls sind über eine Woche vergangen, seit dem die Wohnungen einiger DITIB-Imame durchsucht wurden, die persönliche Statements abgegeben oder aufgrund ihrer persönlichen Einstellung zu Themen angeblich reagiert und gehandelt haben. Sie sind auch ein Teil dieses Spiegelbildes, wofür sich die DITIB nicht zu schämen oder verantwortlich zeigen muss. 

Was geblieben ist, dass ist die reißerische mediale Berichterstattung und die Erkenntnis beim deutschen Mainstream-Konsumenten, dass die DITIB Imame beherbergt, die auf Geheiß des Präsidenten in Deutschland ausspionieren. Es wird erst gar nicht gefragt, wieso und weshalb von rund 1.000 Imamen nur 13 verdächtigt werden, wenn denn die DITIB dem Präsidenten untersteht. Es wird auch nicht in betracht gezogen, dass die Imame auch Menschen sind, mit eigenem Verständnis zu Themen oder eigener Auffassung.

Wenn es denn nur bei den Imamen so bliebe, die ein Spiegelbild der türkischen Gesellschaft sind, so wie der deutsche Polizist, der deutsche Handwerker oder die deutsche Hebamme ebenso eine Vielfalt, aber auch ein Spiegelbild der deutschen Gesellschaft darstellen. Mittlerweile ist die türkische Community bis auf einige Ausnahmen in den Augen der Mainstream-Konsumenten ein Monoblock, ein Erdogan-lastiges Ungetüm, deren Befähigung zur Teilnahme an der deutschen Gesellschaft nicht gegeben ist, daher auf den Prüfstand gehört. Geprüft wird derzeit alles, u.a. ob man noch demokratisch ist, die Verfassung in Abrede stellt, wie man sich zur deutschen christlich-jüdischen Wertekultur verhält.

Dabei wird ausser acht gelassen, was diese türkische Community vor gerademal 6 Monaten miterlebt hat: einen Putschversuch, die den Deutschen gemischte Gefühle entlockte, aber nicht der Erwartungshaltung der türkischen Community entsprach. Darüber kam man hinweg, ist ja nicht eine zweite Heimat der Deutschen, das Land aus dem die Eltern stammen, in der die Verwandtschaft lebt.

Womit man aber jetzt überhaupt nicht mehr klar kommt, ist der Versuch, die Verantwortlichen in Schutz zu nehmen, weil man meint, dass die türkische Community nicht fähig ist, zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden. Man kommt nicht damit klar, dass die Putschisten mit offenen Armen empfangen werden, während die Ankläger mit haltlosen Vorwürfen konfrontiert werden. Man ist geradezu überrascht, über die Intensität der hiesigen Berichterstattung, über das Etikett die man aufgeklebt bekommt, nur weil man den Putsch verteufelt und die mutmaßlichen Putschisten von der türkischen Justiz verfolgt Wissen will. Und je ungerechter man etwas empfindet, desto mehr Menschen innerhalb der türkischen Community beteiligen sich daran, eben diese mutmaßlichen "Verbrecher" den Behörden aus eigener Überzeugung, aus eigenem Antrieb heraus den Behörden zu melden, die sich damit befassen werden.

Erdogan musste nichts unternehmen, damit das in Gang gesetzt wird, es hat sich verselbstständigt, weil die europäische Politik sich in Sachen eingemischt hat, die in die Souveränität eines Landes massiv eingreift. Ihr wird nicht nur vorgeworfen, nicht rechtstaatlich zu sein, nein, man wirft ihr geflissentlich auch vor, undemokratisch zu handeln, in dem man die Souveränität verteidigt und alle Anstrengungen dazu unternimmt, sie wieder zurück zu erlangen.

Wenn der Imam von nebenan meint, dass der Besucher A ein Gülen-Anhänger ist, nur weil ihm die Nase nicht passt, dann ist das zwar bedauernswert und nicht richtig, aber das Resultat der deutschen Politik, die das angestachelt und befeuert hat. Ebenso ist es nicht richtig, dass der türkischstämmige Politiker von Kollegen denunziert wird, nur weil man seine Haltung zu bestimmten Themen nicht teilt. Es darf dann auch nicht vorkommen, dass dieser Politiker aus der Partei ausgeschlossen, geradezu ausgestoßen wird. Das Resultat wäre, dass der Politiker sich anderweitig umsieht oder gar eine eigene Partei gründet. Nichts anderes passiert gerade in vielen Moscheegemeinden, nicht nur die unter dem Dachverband DITIB. Es hängen vielleicht Schilder, in der den Gülen-Anhänger zu verstehen gegeben wird, nicht hereinzutreten und es ist inzwischen ein ungeschriebenes Gesetz, dass die Gülenisten nicht willkommen sind. Es ist die Folge eines gescheiterten Putschversuches mit zahlreichen Todesopfern.

Viel wichtiger ist aber die Frage, weshalb die DITIB nun derart und konzentriert im Rampenlicht steht. Nicht weil Erdogan an der Macht ist, vielmehr weil die DITIB zu einer "Macht" geworden ist, ein Spiegelbild der türkischen Community in Deutschland, die nicht zu unterschätzen ist. Mittlerweile haben fast alle Länder ihre Kooperationen eingestellt, Staatsverträge liegen brach, Imame werden vom VfS beobachtet. 

Es sieht so aus, als würde man die DITIB wieder in die Steinzeit zurückreden, um die Erfolge wieder auf Null zu setzen, an deren Ende der Preis einer anerkannten Religionsgemeinschaft winkte. All die eidesstaatlichen Versicherungen zur deutschen Verfassung, zur deutschen Souveränität, zur friedlichen Existenz mit allen, in Islamkonferenzen, etlichen Festakten, Bemühungen auf Landes- und Bundesebene, alles dahin. Das will man anscheinend auch, weil die deutsche Gesellschaft nicht bereit ist und die deutsche Politik erkannt hat und ihre Felle davon schwimmen sieht. Wie gesagt, Erdogan ist nur ein Bauernopfer, jeder andere Präsident wäre genauso gut geeignet gewesen, der DITIB einen Schlag zu versetzen, von der sie sich nur schwer erholen soll, schließlich braucht die deutsche Politik mehr Zeit, um die Mehrheitsgesellschaft darauf vorzubereiten. Wir haben Zeit und Geduld, schon lange, denn es wäre ein leichtes, sich demokratisch mit juristischen Mitteln die Anerkennung als Religionsgemeinschaft zu holen. Aber es war ein Schlag unter die Gürtellinie, ein Schlag mitten in die Magengrube der türkischen Community, und die wird es lange nicht vergessen.

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