Türkische Themen werden importiert, von Europäern selbst

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Türkische Themen werden importiert, von Europäern selbst

27. Februar 2018 - 02:47
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Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat während einer Rede auf einem Kongress seiner Partei AKP in Kahramanmaras ein Mädchen in Soldatenuniform auf die Bühne geholt. Was danach in Europa passiert, ist an Hysterie kaum noch zu überbieten. 

Matthias Strolz ist ein österreichischer Politiker. Er ist Gründungsmitglied und Vorsitzender der Partei NEOS

Ich wollte ja bewusst und absichtlich NICHT über dieses Thema schreiben. Denn ich denke, dass türkische Themen in Österreich kontraproduktiv und spaltend sind. Ich hätte gerne diesen Artikel der so von falschen Übersetzungen strotzt ignoriert, aber seither ist es in beinahe allen österreichischen Medien gelandet und Parteivorsitzende wie Matthias Strolz posten Sachen wie "Diese Kriegstreiberei des türkischen Präsidenten ist elend."

Eine Frage zuerst: Wer holt eigentlich die türkische Politik nach Österreich? Haben Türken voller Stolz diese Bilder als Gastbeiträge in österreichischen Medien verbreitet und andere Medien und Politiker haben darauf geantwortet? Oder haben österreichische Medien diesen Beitrag von der "Cumhuriyet" importiert und Politiker, die entweder keinen Plan haben oder gerne polarisieren es aufgegriffen?

Türkische Themen werden definitiv und immer schon von Austro-Medien (Boulevard) nach Österreich geholt. Das bringt mehrere "Vorteile" mit sich, denn man kann unter dem Begriff "Erdogan" seinem Frust auf konservative Muslime und Türken wunderbar Dampf ablassen. Andere wiederum wissen, dass TürkInnen sich nicht zurückhalten werden und sich über diese manipulative Darstellung aufregen und somit doch eine Relevanz für Österreich entsteht: die Erdogan Anhänger! "Die sollen nach Hause, wenn es ihnen nicht passt" und "wir sind in Österreich sie sollen sich anpassen" liest man wie ein kollektives Mantra in den sozialen Medien. Ein wunderbarer Anlass seine Xenophobie zum Ausdruck zu bringen, ohne xenophob zu wirken. Selbstverständlich darf man Erdogan kritisieren, auch diesen Auftritt, aber doch nicht so!

Das ist wohl das Widerlichste, das ich seit Monaten in der europäischen Symbolpolitik gesehen habe. Märtyrer-Geschwätz und psychische Demolierung von Kindern mit religiösem Unsinn gehören nicht nach Europa. Und die Mehrheitsströmungen des Islam ins Mittelalter.

Twitter-Beitrag von @bheinzlmaier, retweetet von Matthias Strolz

Seht euch das Video [Rede des Staatspräsidenten in Kahramanmaras] bitte an, ich habe 20.000 türkische Follower auf meiner Seite, die mich bitte jetzt korrigieren sofern ich einen Blödsinn schreibe.

1.) Die Welt.de schreibt: "Erdogan kritisiert weinendes Mädchen"

Da beginnt die Manipulation schon. Die deutschen Medien versuchen den Vorfall so darzustellen, als wie, wenn der böse Diktator das Mädchen aufgrund ihrer Tränen erzürnt zu Recht weisen würde. Tatsächlich ist genau das Gegenteil passiert. Das Mädchen hat zwei Angehörige durch die PKK verloren, sie ist mit einer Uniform zu der Veranstaltung zur Ehrung der "Märtyrer" gekommen und hat aus den Zuschauerrängen Erdogan salutiert. Erdogan hat sie entdeckt und ihr zugerufen: "Kleines was machst du da?". Daraufhin holt man sie auf die Bühne und sie war sichtlich zu Tränen gerührt.

Erdogan sagte: "Seht her, wir haben unsere Spezialeinheiten (Bordo Bereli - ist wie das Jagdkommando und spielt auf das rote Barrett an)." Er sieht sie weinen und sagt: "Aber ein Bordo Bereli weint doch nicht" und küsst sie auf beide Wangen. Da sehe ich persönlich absolut nichts Verwerfliches. Das ist so als würde man einen Jungen in Indianerbekleidung der weint sagen, "ein echter Indianer weint doch nicht" und umarmt ihn anschließend. Welcher geistig Normale würde hier sagen, man hätte den kleinen Indianer zu Recht gewiesen oder gar bloßgestellt? Ich finde das sonderlich dumm.

Man deutet eine Geste der Barmherzigkeit in eine des Zorns um und das ist einfach nur falsch. Selbst wenn man Erdogan nicht mag, sollte man sich nicht selbst belügen und auf Teufel-Komm-Raus jede Gelegenheit dazu nutzen um den unliebsamen Präsidenten aus europäischer Sicht eine auszuwischen. Das schadet vor allem der eigenen Glaubwürdigkeit und polarisiert Türken die es besser wissen.

2.) Was allerdings einige in der türkisch-österreichischen Community doch kritisieren ist das was danach passiert ist. Er spricht die Tradition der Spezialeinheit der "Bordo Bereli" an und meint, "Sie hat ihre Flagge hier bei sich, wenn sie zu einer Märtyrerin wird, dann wird man sie in dieser Flagge begraben." Der Märtyrertod per se genießt in der Türkei einen sehr hohen Stellenwert. Es hat eine andere Bedeutung als in Europa.

Jeder Polizist, jeder Soldat und auch jeder Mensch der sein Leben während seines Dienstes oder seiner Arbeit verliert ist in der Türkei ein Märtyrer. In Soma starben 282 Mienenarbeiter als die Mine einstürzte, die Verstorbenen werden seither als Märtyrer bezeichnet. Dies hat den Hintergrund, dass die Auslegung des Märtyrers für jeden gilt der sein Leben ließ, während er/sie einer nützlichen Arbeit nachging, wie der Versorgung seiner/ihrer Familie oder aber auch der Verteidigung seines/ihres Vaterlandes (im türkischen Mutter-Land).

In Europa bringt der Begriff "Märtyrer" eine negative Konnotation mit sich. Entweder assoziiert man den Begriff mit den Kreuzzügen, der Inquisition oder aber auch mit dem Djihad und dem Terrorismus. Auf jeden Fall kann man kritisieren, dass man nun einem kleinen Mädchen, selbst wenn es in der Uniform der türkischen Eliteeinheit erschienen ist, das Märtyrertum wünscht. Aber wenn man über die Türkei in Österreich und über Österreich in der Türkei redet, kann man dies nicht tun ohne die kulturellen Paradigmen richtig einzuordnen. Ansonsten wird man noch so einiges finden, dass man aufgrund kultureller und sprachlicher Dissensen als Skandal hochstilisiert. Diese künstlichen Skandale bringen nicht nur Nichts, sondern dienen lediglich einer ignoranten Polarisierung zwischen denjenigen die türkisch verstehen und denjenigen die glauben türkisch zu verstehen.

Hakan Gördü

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Es ist 1 Kommentar vorhanden

Bild von gr3y

Türkische Themen werden auch von den Linksextremistischen Kurdenorganisationen bewusst integriert und überall da aufgestachelt, wo sie gerade können. Im Moment hat man sich jede Wehrlose Institution als Ziel für ihre terroristischen Aktivitäten genommen, Heute Morgen wurde eine Rauchbombe an der Türkischen Botschaft in Berlin gezündet und mit Farbe beschmiert.

Mit jedem weiteren Anschlag wird die Hemmschwelle weiter steigen, aggressiver vorzugehen und es wird nicht mehr lange dauern, bis die PKK dann auch hier anfängt "echte" Bomben hochzujagen!

Ob die Polizei dann immer noch wegschauen und die Terroristen ignorieren wird, bleibt abzuwarten.