Operation Olivenzweig - Der Konflikt wird jetzt schmutzig

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Operation Olivenzweig - Der Konflikt wird jetzt schmutzig

29. Januar 2018 - 14:49
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Die Terrororganisation YPG rüstet die Bezirksstadt Afrin sowie Dörfer im Umland zu menschlichen Schutzschilden aus. Aus umliegenden Dörfern werden zwar Menschen in die Stadt geführt, ein kleiner Teil jedoch in den Dörfern belassen, damit sie durch türkische Luftangriffe die Propagandamaschinerie aufrechterhalten können.

Operation Olivenzweig - Der Konflikt wird jetzt schmutzig

Ankara / TP - Die türkische Generalität war sich bewusst, dass die Operation "Olivenzweig" kein Spaziergang wird. Wie in der vorangegangenen Operation "Schutzschild Euphrat" nahm man folgerichtig an, dass die Terrororganisation YPG die Zivilbevölkerung als menschliches Schutzschild missbrauchen wird, statt sie aus den Gefahrenzonen zu evakuieren oder sie freiwillig ziehen zu lassen, wie es die Terrormiliz Islamischer Staat zwischen August 2016 bis März 2017 vormachte. Trotz der schwierigen Aufgabe, die Mission ohne zivile Verluste erfolgreich abzuschließen, starben bei der Operation "Schutzschild Euphrat" nach Angaben der Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte (SOHR) mindestens 540 Zivilisten, vor allem weil die Terrormiliz Islamischer Staat an strategisch wichtigen Punkte Zivilisten festhielt.

Im Vergleich zu ähnlichen Anti-IS-Operationen starben bei der Schlacht um Ain al-Arab (Kobane), die durch die Anti-IS-Koalition geführt wurde, zwischen September 2015 bis Januar 2015 mindestens 220 Zivilisten, wobei die meisten Einwohner der Stadt, rund 45.000 Zivilisten sich rechtzeitig über die türkische Grenze gerettet hatten.

Bei der Manbidschoffensive Ende Mai 2016 bis Ende August 2016 starben rund 450 Zivilisten, die von den Demokratischen Kräften Syriens (SDF) unter der Führung der YPG sowie massiver Unterstützung der US-geführten Koalitionskräfte geführt wurde. Rund 78.000 Zivilisten hatten vor der Einkesselung die Stadt Manbidsch noch verlassen können, nach dem eine große Anzahl der Terrormiliz die Stadt fluchtartig verließ. Nicht anders erging es der Zivilbevölkerung der Stadt ar-Raqqa. Bei dem Ende Mai 2016 gestarteten Offensive der YPG mit Unterstützung der US-geführten Koalitionskräfte starben bis Oktober 2017 bei mehr als 4500 Luftangriffen auf das Stadtgebiet etwa 1000 Zivilisten, ein bedeutender Teil der Infrastruktur wurde dabei völlig zerstört.

Derzeit versucht die türkische Armee mit Hilfe der Freien Syrischen Armee (FSA) das nordwestliche Gouvernement Aleppo mit der Bezirksstadt Afrin von der YPG zu befreien und geht dabei wie bei der Operation "Schutzschild Euphrat" langsam vor. Stellungen der YPG in strategisch wichtigen Punkten werden mit Luftschlägen gezielt bombardiert, wichtige Anhöhen durch Bodentruppen eingenommen. Eine wichtige strategische Anhöhe wurde am Sonntag eingenommen. Eine neu errichtete Bunkeranlage auf dem Berg Bersaya, die stark befestigt war, konnte von türkischen Spezialkräften überrannt werden. Nun ist der Weg von der Stadt A´zaz in Richtung Afrin frei. Gleichzeitig wurde ein Flugplatz im Westen der syrischen Stadt Mari von Kampfflugzeugen gezielt angegriffen. Der Flugplatz liegt rund 10km. westlich der Stadt Afrin. Auch hier hatte die YPG innerhalb weniger Wochen eine vier Kilometer lange befestigte Schützengraben-Anlage ausgehoben, in der in regelmäßigen Abständen Betonbunker eingerichtet wurden.

Bislang sind rund 5.000 Zivilisten aus den umkämpften Gebieten geflüchtet, andere sind in strategischen Ausfallwegen zurückgeblieben, teilte die UN mit. Ob die Zurückgebliebenen dazu gedrängt werden oder freiwillig bleiben bzw. von der YPG dazu ermutigt werden, diese Frage steht indes aus. Das syrische Regime hat der YPG bzw. den Zivilisten zugesagt, sie bei akuter Bedrohung aufnehmen bzw. ärztlich versorgen zu wollen, wenn sie in regime-kontrollierten Gebieten Schutz suchen. Außerdem steht der Fluchtweg in den Süden des Gouvernements Aleppo offen, die vom türkischen Militär seit Ende des vergangenen Jahres kontrolliert wird.

Unterdessen treffen erste Berichte ein, wonach bei türkischen Luftangriffen auch Zivilisten getötet worden sein sollen. Bilder aus mutmaßlich umkämpften Gebieten werden in sozialen Netzwerken viral verbreitet. Ihre Verifizierung gestaltet sich jedoch als schwierig, zumal sie meist aus denselben Quellen gespeist werden. Einzig ein Bericht des britischen Kriegsreporters Robert Fisk liegt derzeit vor, die in der „The Independent“ veröffentlicht wurde. Demnach soll die türkische Luftwaffe sowie die türkische Artillerie zivile Häuser getroffen haben, wobei mehrere Zivilisten getötet worden sein sollen. Verletzte würden in Krankenhäusern in Afrin versorgt werden. Ob die Angaben der Verletzten zutreffen muss noch abgewartet werden. Bislang liegen keine weiteren Erkenntnisse vor.

In Europa werden jetzt vor allem die Luftangriffe der türkischen Luftwaffe scharf verurteilt. Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) fordert die Bundesregierung in einem Schreiben auf, die Türkei energisch aufzufordern, die Luftangriffe einzustellen, dabei auch auf die NATO zu setzen, damit die türkische Luftwaffe die Bombardements stoppt. Kamal Sido-Kurdaxi von der GfbV erklärt in manchen deutschen Medien jetzt, dass die Zustände in der Region um Afrin katastrophal seien. Die Kommunikationsverbindungen in die Region seien gekappt - wobei in den ersten Stunden nach Beginn der Operation "Olivenzweig" die YPG-Führung selbst die Internet- und Telefonverbindungen abstellte. Es würde an allem Fehlen, vor allem Wasser, Medikamente und Lebensmitteln. Der in Göttingen lebende syrisch-kurdische Historiker und Nahostreferent der GfbV wirft dabei der türkischen Luftwaffe vor, wahllos auf Ortschaften zu schießen und unter Einbeziehung der FSA die Minderheit der Jesiden der Gefahr auszusetzen, erneut wegen ihrer ethnisch-religiösen Herkunft verfolgt zu werden.

Zwar sind die Vorwürfe gegenüber der türk. Armee und vor allem in diesem Zusammenhang gegen den türkischen Staatspräsidenten nicht neu, doch auch diesmal sind es eher Vorwürfe das Europa mobilisieren soll, die Türkei zur Räson zu bringen. Die Vorwürfe von Kamal Sido-Kurdaxi, der sich seit Jahren für die Rechte der Kurden in der Region einsetzt, können bislang nicht überprüft werden. Nach Angaben der SOHR vom vergangenem Mittwoch starben seit Beginn der Offensive mindestens 100 Menschen, darunter sollen auch Zivilisten, aber auch YPG-Kämpfer sein. Wie viele Zivilisten darunter genau sind, auch das kann nicht verifiziert werden.

Dennoch wird vor allem der Bezug zu zivilen Opfern betont. Auch Kamal Sido-Kurdaxi unterstreicht seit Beginn der Kampfhandlungen die Zivilisten, vor allem die jesidische Minderheit, die ja wie die Zivilbevölkerung Angst vor der türkischen Armee, vielmehr aber vor der FSA haben sollen. Weshalb das so ist und woran man das festhalten kann, wo doch die türkische Armee bereits bei der Operation "Schutzschild Euphrat" zusammen mit der FSA gezeigt hat, dass dem nicht so ist, das kann oder will Kamal Sido-Kurdaxi nicht erklären. Für ihn steht fest, dass die Flucht der Menschen vor der herannahenden türkischen Armee und der FSA-Milizen nicht möglich wäre, obwohl der Weg nach Süden wie auch nach Westen offen ist und das syrische Regime sie mit offenen Armen begrüßt.

In den von der türkischen Armee und der FSA bereits eingenommenen Gebieten versucht die türkische Regierung mit dem Wiederaufbau der Infrastruktur die Zivilisten mit dem allernotwendigsten zu versorgen. Auch heute wurden Gebiete die nun unter der Kontrolle der türkischen Armee stehen, vom Roten Halbmond aufgesucht, die Zivilbevölkerung wird versorgt. Schulen werden im Hinterland aufgebaut, Lehrer angestellt, damit die Kinder wieder die Schule besuchen können. Inzwischen sollen auch syrische Flüchtlinge in der Türkei zurück in ihre im Gouvernement Aleppo im Bezirk Afrin gelegenen Dörfer zurückzukehren. Es sieht danach aus, dass die türkische Militäroperation sich dabei Zeit nimmt, nicht zu schnell vorwärtszukommen, sondern erst einmal befreite und unter Kontrolle stehende Gebiete ein für alle Mal zu sichern und die YPG daran zu hindern, türkische Grenzstädte weiterhin mit Mörsergranaten und Raketen zu beschießen. Denn immer wieder kommt es vor, dass die Grenzstädte, vor allem die Flüchtlingsstadt Kilis sowie Reyhanli Ziel von Raketenangriffen werden, wie heute Vormittag, als jeweils zwei Raketen vor den Stadtgrenzen einschlugen.

Fest steht, dass die YPG Zeit genug hatte, sich den Bedingungen der Türkei zu stellen. Diese Zeit nutzten sie jedoch aus, um sich in strategischen Punkten einzugraben und dabei die Zivilbevölkerung nicht aus den Kampfhandlungen herauszuhalten, denn die eigenen Angaben besagen, dass immer wieder Zivilisten bei Luftangriffen getötet werden. Ein Ziel von Terrororganisationen ist es, die Propagandamaschinerie aufrechtzuerhalten und die ruft nach zivilen Opfer, je näher und unaufhaltsamer die türkische Armee mitsamt ihren Koalitionskräften auf sie zukommen. Das war bei den US-geführten Operationen so, in der die Terrormiliz Islamischer Staat die Zivilbevölkerung bewusst dazu missbrauchte, wie es jetzt der Fall sein wird. Zivile Opfer kann man für die eigenen Medien instrumentalisieren und damit die Zivilbevölkerung in den betroffenen Gebieten in Angst und Schrecken versetzen sowie auf das Gewissen der Europäer einreden.

Derzeit plant die türkische Armee nach der Einnahme des Bergs Bersaya die Kleinstadt Raju im Nordwesten der Bezirksstadt Afrin einzunehmen. Erste Vorstoßversuche zeigen, dass die Stadt stark befestigt wurde und verteidigt wird. Wie in Berg Bersaya sollen nach ersten Medienberichten kleinere Einheiten der türkischen Spezialkräfte der Armee die Stadt von Boden aus gezielt angreifen während im rückwärtigen Raum die Milizen der FSA zusammen mit Einheiten der 3. Armee folgen und sichern.

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