Der Preis des neuen Flughafens in Istanbul

Lesezeit
4 Minuten
Gelesen zu

Der Preis des neuen Flughafens in Istanbul

29. April 2018 - 09:43
Kategorie:
0 Kommentare

In einem Bericht des Tagesspiegels Ende Februar zog die deutsche Journalistin Susanne Güsten eine sensationell erschütternde Bilanz über die mutmaßlichen Arbeitsbedingungen am neuen dritten Flughafen in Istanbul anhand von Berichten der Tageszeitung "Cumhuriyet" oder "Evrensel". Ihren Angaben zufolge, die sich auf die Aussage eines LKW-Fahrers stützten, starben seit Mai 2015 angeblich mehr als 400 Arbeitnehmer auf der Großbaustelle. Die Oppositionspartei CHP nahm das zum Vorwand, um die amtierende Regierungspartei unter Kreuzfeuer zu nehmen -  auch mit Hilfe der europäischen Medien. Das türkische Ministerium für Soziales und Arbeit sprach daraufhin lediglich von 27 tödlichen Arbeitsunfällen. 

Jeder Arbeitsunfall ist einer zuviel, aber jeder Sensationsbericht, der nicht auf Fakten basiert und scheinbar andere Ziele verfolgt, zeigt einmal mehr, dass die deutschen Medien es wie Konrad Adenauer halten: "Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern!"

InsaatIs am 13. Februar auf dem Flughafen-Bauplatz

Kommentar - In einem Bericht des Tagesspiegels Ende Februar zog die deutsche Journalistin Susanne Güsten eine sensationell erschütternde Bilanz über die mutmaßlichen Arbeitsbedingungen und deren tödlichen Folgen am neuen dritten Flughafen in Istanbul anhand von Berichten der Tageszeitung "Cumhuriyet" oder "Evrensel" (wir berichteten). Ihren Angaben zufolge, die sich auf die Aussage eines LKW-Fahrers stützten, starben seit Mai 2015 angeblich mehr als 400 Arbeitnehmer auf der Großbaustelle. Die Oppositionspartei CHP nahm das zum Vorwand, um die amtierende Regierungspartei medial unter Kreuzfeuer zu nehmen -  auch mit Hilfe der europäischen Medien. Das türkische Ministerium für Soziales und Arbeit sprach daraufhin lediglich von 27 tödlichen Arbeitsunfällen. 

Jeder Arbeitsunfall ist einer zuviel, aber jeder Sensationsbericht, der nicht auf Fakten basiert und scheinbar andere Ziele verfolgt, zeigt einmal mehr, dass die deutschen Medien es wie Konrad Adenauer halten: "Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern!"

Jetzt, 2 Monate später, gibt der SPIEGEL erneut die Misstände auf der derzeit größten Großbaustelle im Nordwesten Istanbuls wieder, diesmal jedoch aus dem Munde des Vorsitzenden der regierungskritischen Gewerkschaft Dev-Yapi-Is, Özgür Karabulut. In dem Artikel ist plötzlich nicht mehr die Rede von mehr als 400 Arbeitnehmern, die seit Mai 2015 bei Arbeitsunfällen ums Leben gekommen sein sollen, sondern 32. 

Wir erinnern uns: Rund 31.000 Arbeiter sind nach Regierungsangaben auf der Großbaustelle derzeit rund um die Uhr beschäftigt, die dabei von 563 unterwiesenen Sicherheitsbeauftragten sowie 293 Mitarbeitern des Gesundheitswesens überwacht bzw. entsprechend erstversorgt werden. Damit dementierte das Ministerium für Soziales und Arbeit nur zwei Tage später die letzte Meldung der "Cumhuriyet" und der "Evrensel", die im Februar tagelang darüber berichtet hatten und auf die sich u.a. Susanne Günsten in ihrem Tagesspiegel-Bericht berief. Laut der Pressemeldung des Ministeriums habe die Sozialversicherungsanstalt des Landes seit Baubeginn insgesamt 27 Todesfälle registriert, die in Zusammenhang mit tödlichen Arbeitsunfällen auf der Großbaustelle in Istanbul stehen. Die Arbeitssicherheit werde trotz der weitläufigen Fläche von rund 3,5 km² strengstens überwacht und gewährleistet, die von den Medien wiedergegebenen Zahlen würden jedoch nicht der Wahrheit entsprechen und wären leicht nachprüfbar, so der Tenor der Mitteilung.

Die öffentliche Antwort des Ministeriums befriedigte die Oppositionspartei CHP nicht. Noch am selben Tag trat zuerst der CHP-Abgeordnete der Provinz Bursa, Ceyhun İrgil, vor die Pressebühne, um die Ministerin Jülide Sarıeroğlu zu fragen, wie viele Arbeiter in den letzten 5 Jahren bei Großprojekten ums leben kamen. 

Zwei Tage später trat der CHP-Abgeordnete von Malatya, Veli Ağbaba, vor die Presse und fragte nach einer langen Erklärung die Ministerin erneut, wie viele Arbeitnehmer auf der Großbaustelle bislang aufgrund eines Arbeitsunfalls tödlich verunglückten. Ağbaba erklärte, dass seit 15 Jahren insgesamt 20.500 Todesopfer zu beklagen seien, ein Massaker sondergleichen sei das. Allein im Jahre 2017 seien im Land insgesamt 2.006 Arbeiter tödlich verletzt worden und im letzten Monat sogar 141. Jeden Tag würden 6 Familien ihren Ernährern nachtrauern, so Veli Ağbaba weiter.

Das Problem an der Sache war bereits damals ersichtlich: Die Opposition hatte eben nicht wie im Bericht des "Tagesspiegel" oder der "Cumhuriyet", eine parlamentarische Anfrage gestellt, sondern war schlicht und einfach in einem Fraktionssitzungsraum des Parlaments vor die Presse getreten und forderte quasi über die Presse vom Ministerium bzw. von Ministerin Jülide Sarıeroğlu Antworten. Es wurde also keine "Kleine Anfrage" oder "Große Anfrage" an die Regierung gerichtet oder im Parlament selbst die Frage in den Raum geworfen, wie man es hier für selbstverständlich hält und in der Türkei nach den parlamentarischen Regeln ebenso gehandhabt wird, sondern, man richtete die Fragen an die Presse, um die öffentliche Aufmerkamkeit im In- wie Ausland zu erregen. Das Ministerium reagierte auch prompt auf die damaligen Presseberichte der "Cumhuriyet" oder "Evrensel" und beantwortete widerum über die Presse die aufgeworfenen Mutmaßungen und Fragen der CHP-Abgeordneten.

Nur wenige Tage später übernahm die in der Türkei lebende Journalistin Susanne Güsten die Berichte der "Cumhuriyet" und "Evrensel", um Ende Februar über angeblich "Dutzende, wenn nicht sogar hunderte" tote Arbeiter auf dem Prestigeobjekt zu berichten. Darin übernahm Güsten auch den Bericht der Oppositionszeitung "Cumhuriyet“, der es zu verdanken sei, "dass die Behörden die Todesfälle nicht mehr unter den Teppich kehren könnten. Der Flughafen werde zum Massengrab, erklärte demnach Reporter Mehmet Kizmaz, der einen Lastwagenfahrer auf der Großbaustelle mit ihren insgesamt 31000 Arbeitern begleitete."

2 Monate später ist von einem "Massengrab" jedenfalls nicht mehr die Rede, die von einem türkischen Reporter, der Oppositionspartei CHP oder einer Gewerkschaft in den Raum geworfen wurde, doch daran soll die Kritik am Großflughafen, die sich im Grunde gegen die amtierende Regierung richtet, auch nicht scheitern. Der SPIEGEL gibt diesmal den Termindruck an, dessen Tribut mutmaßlich zu 32 Arbeitsunfällen mit Todesfolge geführt habe. Von "Dutzende, wenn nicht sogar hunderte", ja sogar bis zu 400 Todesfällen auf der Baustelle ist jedenfalls nach zwei Monaten nicht mehr die Rede, wobei man sich diesmal auf die Angaben einer anderen unbedeutenden kleinen Gewerkschaft stützt. Das wirft die Frage auf, wie man es mit der Objektivität und Wahrheit insgesamt hält, welchen Sinn und Zweck man verfolgt?

"Das gesamte Team, vom Führungspersonal bis zum einfachen Arbeiter, ist einem unfassbaren Produktionsdruck ausgesetzt", sagte Özgür Karabulut, Vorsitzender der regierungskritischen Gewerkschaft Dev-Yapi-Is. Durch den Druck, möglichst schnell zu arbeiten, entstünden die meisten oft tödlichen Unfälle. Die Regierung müsse mehr Vorsorge für die Sicherheit der Arbeiter treffen, forderte er.

Nach Angaben der Gewerkschaft starben bislang mindestens 32 Arbeiter auf der Baustelle. Unfallursache seien vor allem Stürze aus der Höhe und Unfälle mit Bauschuttlastern, so Karabulut.
SPIEGEL - 28. Februar: 32 tote Arbeiter - Gewerkschaft beklagt "unfassbareren Produktionsdruck

weitere Informationen zum Artikel