Dresdner Sinfoniker wollen den Takt bestimmen

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Dresdner Sinfoniker wollen den Takt bestimmen

29. Oktober 2016 - 03:36
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Mit dem Ausstieg der Türkei aus dem EU-Kulturförderprogramm stellte die türkische Regierung gegenüber den Dresdner Sinfonikern unmissverständlich klar, dass die Instrumentalisierung der armenischen Frage durch selbstgefällige Einladungen von türkischen Regierungsmitgliedern keinen Versöhungsbeitrag leisten wird. Nun wird ein neues Stück aufgesetzt: Frank-Walter Steinmeier soll die Schirmherrschaft übernehmen. Wer das Taktstock in der Hand hält, erschließt sich mir noch nicht.

Dresdner Sinfoniker wollen den Takt bestimmen

Dresden / TP - Mit der Absage des Konzertprojekts "Aghet" der Dresdner Sinfoniker im deutschen Generalkonsulat in Istanbul durch das Auswärtige Amt, ist anscheinend ein Schlussstrich in dieser Frage nicht zu erwarten. Nachwievor drängen die Dresdner Sinfoniker auf ein Affront, eine Konfrontation mit der türkischen Regierung. Nun will man den Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) instrumentalisieren. Ob das intern zwischen den Dresdnern Sinfonikern und dem Auswärtigen Amt (AA) so abgesprochen worden ist oder eine aggressive Propagandapolitik der Sinfoniker dahinter steckt, sei mal dahingestellt.

Die Dresdner Sinfoniker setzen diesmal, nach dem die erste Phase mit der Konzertaufführung im deutschen Generalkonsulat in Istanbul nicht geklappt hat, auf die zweite Phase. Die Türkei war wohl brüskiert über den Versuch, ein Konzertstück über den angeblichen "Völkermord" an Armeniern während des Ersten Weltkrieges in Istanbul zu spielen. Darüber hinaus hatten die Sinfoniker auch türkische Regierungsmitglieder ohne Wissen des AA eingeladen - ob bewusst provozierend oder ob des Versöhngswillen wegen, sei auch mal dahingestellt.

Aber mit dem neuerlichen Versuch - dem zweiten Auftakt,  nennen wir es mal politischen Spielchens, dem Konzertstück "Aghet" einen offiziellen Touch zu verleihen, in dem man dem deutschen Außenminister wie selbstverständlich die Schirmherrschaft über eine "deutsch-türkisch-armenischen Freundschaftsgesellschaft" förmlich aufdrängt, drängt sich bei mir die Frage auf, wozu diese Eile sowie weshalb so energisch und vor allem, weshalb ausgerechnet ein Außenminister?

Die Dresdner Sinfoniker meinen zwar, die Zeit dränge, weil in der Türkei in nächster Zeit sich nicht viel bewegen werde, aber gleichzeitig unterstreicht man fast schon selbstsicher, man werde mit "Aghet" etwas in Bewegung setzen. Dabei hat man ja schon einiges bewegt. Die Türkei hat das EU-Kulturförderprogramm verlassen, und nun bleiben einige türkische Künstler in der Türkei eben wegen dieser Selbstsicherheit der Dresdner Sinfoniker ohne Fördergelder auf der Strecke. Es gibt ja zudem die Erklärung der Sinfoniker, die klar zu verstehen geben, dass die Schuldfrage längst geklärt ist und die Bundesrepublik nicht wie einst, wieder den Kopf in den Sand steckt und schon wieder einmal die Chance verpasst.

Zum anderen wolle man dadurch Einfluss auf die Türkei nehmen. Hat doch aber genau das Gegenteil bewirkt! Versöhnung ist nunmal keine Einbahnstraße und erzwingen kann man erst recht nichts damit. Dennoch und vor allem aus ganz anderer Intention heraus will man wohl nun Außenminister Steinmeier mit ins Boot nehmen und gen Türkei mit gleichtakt singen.

Befremdlich das ganze, wenn man bedenkt, dass die Armenier-Resolution des Bundestages am 2. Juli ohne Frank-Walter Steinmeier, Kanzlerin Merkel und Vize-Kanzler Gabriel angenommen wurde, die bei der Abstimmung nicht zugegen waren. Merkel war zum Zeitpunkt der Abstimmung bei einer Rede auf einem Kongress zum Thema "Digitale Bildung“, Gabriel hatte ebenfalls eine Rede auf dem Tag der deutschen Bauindustrie und Steinmeier wollte sogar auf einer "lange geplanten“ Lateinamerika-Reise sein.

Angesichts dieser grandiosen Abwesenheitsentschuldigungen fragt man sich automatisch, wie ernst man es in der Regierung mit dem sogenannten armenischen "Völkermord" und der Bundestags-Resolution nimmt. Oder, mit welchen Wassern diese Regierung denn gewaschen ist, die vorgibt, sich nicht in solche Sachen politisch einzumischen, aber gesellschaftlich alles in der Macht stehende unternimmt, dass das weiterhin der Türkei geradezu aufs Auge gedrückt wird, auch wenn man kleinlaut zugeben musste, dass das keine rechtlichen Auswirkungen auf die Türkei hat. Eine andere Meinung wäre ja auch wie ein zweischneidiges Messer, angesichts der Herero- und Nama-Geschichte, dem "ersten Völkermord" im 19. Jahrhundert.

Halten wir mal fest: Die Sinfoniker werden vom AA in Istanbul ausgeladen, weil die Türkei a) brüskiert über die Pläne ist, b) weil man Regierungsmitglieder wie selbstverständlich eingeladen hat und c) die Türkei dataufhin ein Förderprogramm verlässt, dass dieses Aghet-Projekt fördert. d) Dann setzen die Sinfoniker ein Protestschreiben gegen das Auswärtige Amt sowie die Bundesregierung um sie erst einmal vor den Kopf zu stoßen um e) sogleich eine "konstruktive" Lösung anzubieten. Die sieht wie folgt aus: Steinmeier soll Schirmherr werden.

Aus türkischer Sicht wird das so aufgefasst: Erst will man auf unserem Boden ein einseitiges Musikstück vorführen. Dann will man auch noch die Regierungsmitglieder im eigenen Land brüskieren, was ja auch beabsichtigt war um sodann uns als starrsinnige Verleumder zu brandmarken, was ja bereits geschehen ist. Jetzt will man auch dem ganzen einen offiziellen Touch verleihen und so weiter Druck ausüben?

Wissen sie was die Antwort lautet: "Nicht mit uns!"

Versöhnung bedeutet eigentlich miteinander einen Weg beschreiten, der sehr wohl zuallerst mit einer Klärung einhergeht. Geklärt wurde bislang nur was die Vorwürfe sind, nicht aber welche Gegenvorwürfe im Raum stehen. Zusammen beschritten hat man keinen Meter. Ein einschalten von Dritten, um eine Versöhnung herbeizureden hat weder eine Versöhnung eingeleitet, noch irgend etwas geklärt. Vielmehr wird dadurch nur alles unter den Teppich gekehrt und so eine stillschweigende Versöhnung erreicht. Ob das zweckdienlich ist, beantwortet jeder Konfliktforscher kategorisch mit einem "nein".

Was die Dresdner Sinfoniker meinen erreichen zu wollen, deckt sich weder mit ihrer Versöhnungsabsicht, noch mit den Interessen der Türkei und den Türken. Sie soll nur die eine Sichtweise - die der Armenophilen etablieren und weiter zementieren. Genauso wie es die deutsche Politik betrieben hat und daher auch nur als politisches Versöhnungsprojekt zu verstehen ist. Längst spielt aber die Politik nicht auf dem gesellschaftlichen Level, sondern aus politischem Kalkül heraus, was die Frage an sich sogar noch verschlimmbessert. Die Sinfoniker sind deshalb so erpicht, die Sache schnell auf die Bühne zu bringen, weil man ahnt, dass in der nächsten Legislaturperiode in Deutschland die politische Stimmung eine ganz andere werden kann und das Projekt den Bach runterfließt. Die Türkei und die Türken haben dagegen nichts zu verlieren. Sie haben ihren eigenen Standpunkt und der wird auch durch aussenpolitische Spielchen Dritter sich nicht viel verändern.

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